Kultur : Deutsches Tümeln

Adel und Antisemitismus: Jutta Ditfurth schreibt über ihre komplizierte Familiengeschichte.

Hannes Schwenger
Foto: Historische AG für Schaumburg
Foto: Historische AG für Schaumburg

Wer in den frühen Jahren der Bundesrepublik zur Schule ging, musste noch Balladen von Schiller bis Börries von Münchhausen auswendig lernen. Dessen Ballade von den Reithosen („Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, hirschlederne Reithosen bleiben bestehen“) war eher eine Lachnummer. Zwei weitere Gedichte schafften es aber immerhin in Marcel Reich-Ranickis „Kanon“. Das ist umso erstaunlicher, als der Dichter in Hitlers Jahren der von Juden und Linken „gesäuberten“ Dichterakademie angehörte und ein von den Nazis gefordertes „Treuegelöbnis“ abgelegt hatte. Führergeburtstagsgedichte wie Ina Seidel hat er zwar nicht geschrieben, aber wie sie wurde er 1944 auf die „Gottbegnadetenliste“ gesetzt. Und obwohl ihn ein Abteilungsleiter im Propagandaministerium bei Goebbels mit den Worten denunzierte, er zeige „offen seine ablehnende Haltung uns gegenüber“, hielt es dessen Staatssekretär für „kaum zweckmäßig“, etwas gegen ihn zu unternehmen.

Dabei hat sich der Dichter selbst wiederholt als Denunziant hervorgetan: Als junger Mann zeigte er Richard Dehmel wegen „Gotteslästerung“ an, nannte in Briefen Hugo von Hofmannsthal ein „Gräuel“ und schwärzte Gottfried Benn bei den Nazis als „reinrassigen Juden“ an. „Literaten der Systemzeit“ warf er vor, sie hätten „schlechthin alles Deutsche niedergetreten“. Und doch setzte er sich 1937 für verfolgte Autoren ein und ließ noch 1942 sein Gedicht „Herped-Klage“, eine Anklage gegen ein russisches Judenpogrom wieder drucken. 1906, im Jahr des Pogroms, war er seinem jüdischen Schulkameraden und späteren Schriftstellerkollegen Sammy Gronemann zufolge „gegenüber antisemitischen Pöbeleien energisch aufgetreten“ und hatte sogar einen Gedichtband namens „Juda“ veröffentlicht. Er wurde zum Hausbuch deutsch-jüdischer Familien und brachte ihm Dank von zionistischer Seite ein. Alles ein Missverständnis?

Sammy Gronemann, der 1956 in Tel Aviv starb, wollte Münchhausens Entwicklung „vom Sänger jüdischer Kraft und jüdischer Helden zum deutsch-völkischen Barden“ in seinen Erinnerungen „begreiflich finden. Er schätzte das alte Judentum und die in der Tradition verwurzelten Abkommen der alten Makabäer. Er verabscheute das Assimilantentum und begriff nicht, wenn ein Jude etwa sich anders als ein Aristokrat fühlen konnte.“ Tatsächlich hatte der Dichter 1904 geschrieben: „Die ersten Juden – nicht die ihr Wesen und ihren Stamm verleugnenden Großstadtjuden – sind ein rein aristokratisches Volk... Sie sind groß geworden durch Anwendung des rein aristokratischen Grundgedankens. Menschenzüchtung durch Reinerhalten der Rasse ...“ Münchhausen sah darin den „Urgrund des historischen Bewusstseins bei den Juden wie beim Adel“.

Dass in dieser Weltsicht auch der Urgrund eines spezifischen Antisemitismus angelegt ist, lässt sich nicht leugnen – und liefert seiner Urgroßnichte Jutta Ditfurth die Handhabe zu einer Attacke auf den besonderen Antisemitismus des deutschen Adels im allgemeinen und ihre eigene Familie im besonderen. Sie selbst hat ihren Adelstitel, den noch ihr Vater Hoimar von Ditfurth selbstbewusst führte, ebenso selbstbewusst abgelegt. In ihrer Familiengeschichte habe sie „nur einen einzigen Verwandten unter hunderten“ gefunden, der „Juden und Sozialdemokraten nicht verabscheut hatte“.

Den Beweis für die Generalisierung dieses Befundes bleibt sie allerdings schuldig, wenn sie einräumen muss, dass es der Adel „einfach nicht nötig hatte, in die Partei einzutreten. Manche Adlige wurden aus schierem Hochmut nicht Parteimitglied, obwohl sie faschistisch dachten“. Auch werde der Anteil adliger Militärs am Widerstand gegen Hitler schlicht „verklärt“ oder sei, wie bei Marion Gräfin Dönhoff, eine „Mystifikation“.

Zum Beweis beruft sie sich etwa auf den Historiker Stephan Malinowski, der die Machtübergabe an Hitler und dessen Kriegsführung „ohne den adligen Beitrag“ für nicht denkbar hält. So bleibt der Eigenertrag ihres adelskritischen Furors auf ihre Spurensuche in der Dichtung und Biografie ihres Urgroßonkels beschränkt. Die ist damit zwar gründlich ausgeleuchtet, aber weder vernichtet noch gerettet. Münchhausen, der beim Anrücken der Amerikaner auf sein Gut Windischleuba und nach dem Tod seiner Frau im Januar 1945 Selbstmord beging, hat über sein Leben und Werk auf seine Art gerichtet. Der Rest ist Literaturgeschichte. Hannes Schwenger

Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Reise in eine Familiengeschichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 2013. 396 Seiten, 21,99 €. – Die Autorin stellt ihr Buch am 24. 1. um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus vor.

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