Kultur : Deutschland sucht den Superstart

Schön war die Zeit: In Fernsehserien, Büchern und in der Politik kehren die fünfziger Jahre zurück

Christian Schröder

Visionen verströmen rhetorische Wärme. Aber sie steigern nicht das Bruttosozialprodukt. Was Deutschland braucht, ist eine Rückbesinnung auf alte Tugenden, auf handwerkliche Präzision und nüchternen Realitätssinn. Darüber scheint weitgehend Einigkeit zu herrschen bei Regierenden und Regierten. „Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!“, hat Angela Merkel den Deutschen zugerufen und eine Regierung versprochen, die „viele kleine Schritte“ in Angriff nehmen will. Es ist ein Trippelweg, der zurückführt in eine Zeit, als das Land in Trümmern lag und sich in den Aktionismus des Wiederaufbaus rettete. „Frühere Generationen, die vor uns Probleme zu lösen hatten, hatten ungleich größere Probleme“, stellte Merkel in ihrer Regierungserklärung fest. „Warum soll uns das, was uns zu Beginn dieser Bundesrepublik, in den ersten Gründerjahren, gelungen ist, heute, in den zweiten Gründerjahren, nicht wieder gelingen?“ Genau: warum eigentlich nicht?

Die fünfziger Jahre erleben ein erstaunliches Comeback. Lange galten sie als Inbegriff von Muff und Verklemmung, als Ära, in der im Grunde noch der blanke Faschismus unter dem Nierentisch kauerte. Jetzt werden sie zum Sehnsuchtsjahrzehnt. Die ARD zeigte unlängst eine sechsteilige Dokumentation, in der Zeitzeugen auf anrührende Art ihre privaten Erinnerungen an – so der Titel – „Unsere 50er Jahre“ schilderten, von Vaters Spätheimkehr aus der Kriegsgefangenschaft bis zur Rock’n’Roll-Rebellion auf dem Kirmesplatz. Auf dem Buchmarkt hat Oral History Konjunktur, seitdem die jüngsten, 1945 noch unmündigen Trauma-Opfer von Bombenkrieg und Vertreibung begonnen haben, ihr vorher angeblich jahrzehntelanges Schweigen zu brechen (Hilke Lorenz: Kriegskinder, List, München 2003; Sabine Bode: Die vergessene Generation, Klett-Cotta, Stuttgart 2004).

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Aktuell gibt es ein halbes Dutzend Neuerscheinungen über die Adenauer- und Ulbricht-Epoche, der Begleitband zu den ARD-Sendungen ist ein Bestseller (Rudolf Großkopff: Unsere 50er Jahre. Wie wir wurden, was wir sind, Eichborn, Frankfurt a. M., 256 S., 19,90 €) . Der „Spiegel“ hat eine Serie zum Wirtschaftswunder gestartet, in der Helmut Schmidt sich zuletzt noch einmal zur West-Integration bekannte: „Die Amerikaner haben uns ungeheuer geholfen.“ Patriotische Werbekampagnen verweisen auf nostalgische Vorbilder: „Du bist Ludwig Erhard.“ Und die Berlinale2006 widmet ihre Retrospektive den „Traumfrauen der 50er“: dem kessen Sexappeal der jungen Romy Schneider, Maria Schells seelenvollem Lächeln, der Mondänität der Valente.

Die Rehabilitation der fünfziger Jahre folgt einer neuen vergangenheitspolitischen Wahrnehmung. Für die Achtundsechziger, die sich jetzt mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer von der Macht verabschiedet haben, war es ein Jahrzehnt, gegen dessen Konformität und Stickigkeit sich ihre Revolte einst gerichtet hatte. Die Altachtundsechziger sehen sich als Befreier und haben natürlich nicht ganz Unrecht. Bis zu ihrer kleinen Kulturrevolution hatten Studenten in Anzug und Schlips an der Universität zu erscheinen, und der junge Mann, dessen Freundin bei ihm übernachten wollte, bekam Ärger mit dem Vermieter. „Provinz und kleinkariert“, so nannte Ulrike Meinhof – damals noch Kommentatorin – das Land in einem Rückblick auf die Adenauer-Kanzlerschaft schon 1964 und konstatierte: „Sie lebt an sich selbst und ihrer Geschichte vorbei, die Bevölkerung der Bundesrepublik, uninformiert, unaufgeklärt, unentschieden zwischen Pril und Sunil.“

Eine Mängelliste des Unvermögens. In Wirklichkeit waren die fünfziger Jahre weniger rückständig und reaktionär, als es die Klischees behaupten. „In der Zeit zwischen Währungsreform (1948) und Mauerbau (1961) vollzogen sich im Westen atemberaubende gesellschaftspolitische und kulturelle Veränderungen, eine alle Bereiche umfassende Modernisierung“, schreibt Hermann Glaser in seiner neuen, vorzüglichen Kulturgeschichte der Epoche (Die 50er Jahre, Deutschland zwischen 1950 und 1960, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2005, 200 S., 19,95 €) . Die Nachkriegs-Moderne zeigte sich in den schlanken Formen der Wiederaufbau-Architektur und in den Kurven und Schwüngen der Cocktailsessel, die die Zackigkeit von Hakenkreuz und Hitlergruß hinter sich ließen.

Und selbst im Nylon-Kult und in den von Strumpffabrikanten veranstalteten Miss-Germany-Wahlen offenbarte sich eine freiheitliche Gesinnung. Die kunstseidenen Beinkleider blieben lange Zeit Luxusprodukte, zunächst waren sie als Fraternisierungsgeschenke amerikanischer Soldaten an deutsche „Fräuleins“ ins Land gekommen. Adenauer ließ den Slogan „Keine Experimente!“ plakatieren, aber die fünfziger Jahre waren auch eine Zeit harter Konfrontationen, untergründig kündigte sich der Widerspruchsgeist der Achtundsechziger an. Studenten demonstrierten gegen Filmvorführungen des NS-Propagandisten Veit Harlan („Jud Süß“), der Widerstand gegen Wiederbewaffnung und Atombomben mobilisierte Millionen. Die schärfste Kritik an den Fünfzigern stammt aus den Fünfzigern. Vom „restaurativen Charakter der Epoche“ sprach Walter Dirks 1950 in den „Frankfurter Heften“: „Angst, Bedürfnis nach Sicherheit und Bequemlichkeit waren (nach 1945) stärker als Mut, Wahrheit und Opfer.“

Janusköpfige Jahre. Um der seltsamen Dialektik der Gründerzeit zu begegnen, reicht es aus, einen Blick in Adenauers erste Regierungserklärung zu werfen. „Zwar müssen wir uns immer bewusst sein, dass Deutschland und das deutsche Volk noch nicht frei sind, aber wir erfreuen uns doch einer wenigstens relativen staatlichen Freiheit“, verkündete der rheinische Patriarch im September 1949. Einige Seiten seines Redemanuskripts weiter klagte er: „Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden.“ Der Holocaust lag keine fünf Jahre zurück, aber die Deutschen empfanden sich schon wieder als Opfer – im Westen noch stärker als im Osten, wo sich die DDR unter strenger sowjetischer Aufsicht an zumindest rhetorischem Antifaschismus übte.

Adenauers Verdienste und die seiner Deutschen sind unbestreitbar. Die Ausrichtung auf Amerika, vom Kanzler auch gegen altdeutsch-bildungsbürgerlichen Dünkel durchgesetzt, wurde zum Motor des Aufschwungs. Die Integration von 12 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft war eine staunenswerte Leistung. Doch über Adenauers Redekunst spottete Heinrich Böll als „ganz und gar vertrocknete armselige Prosa“ eines „unpoetischen Bundeskanzlers“.

Dabei lässt sich durchaus schwärmen von den Fünfzigern. So erzählt Peter Süß, damals ein Kind in Bayreuth, in der ARD-Serie (Regie: Thomas Kufus und Jan Schütte): „Wir hatten keine Angst mehr, der Lebensstil war so, dass jeder Tag ein Genuss war.“ In der Luft lag ein Hauch von Aufbruch und Freiheit.

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