Kultur : Dichter daneben

Auf Ex: Matt Dillon und Lily Taylor brillieren im Charles-Bukowski-Biopic „Factotum“

Julian Hanich

Der Ausdruck „Faktotum“ bedeutet „vielseitig verwendbare Hilfskraft“. Im Fall von Henri Chinaski ist das eher ironisch zu verstehen. Der Kerl macht zwar vieles – zu gebrauchen ist er nicht. Was immer er anpackt, schnell verliert er Lust und Geduld. Ganz zu verübeln ist es ihm nicht – schließlich muss er sich mit Jobs wie Ersatzteilsortierer, Sauregurkenfabrikarbeiter oder Statuenabstauber über Wasser halten. Kein Wunder, dass Pferdewetten, literweise Lambrusco und vier Ficks pro Tag mehr Anziehungskraft auf ihn ausüben.

Und, ach ja, er schreibt. Chinaski ist ein verkrachter Poet, der es sich eingerichtet hat in seinem beschädigten Herumlümmelleben. Mit der linken Hand kritzelt er auf billiges Papier und versucht so, einer Weisheit von Joseph Conrad auf den Grund zu gehen: „Eine seltsame Sache, das Leben – diese geheimnisvolle Anordnung gnadenloser Logik für ein nichtiges Ziel.“

Matt Dillon spielt diesen Hank Chinaski, das Alter Ego des Erzählers und Lyrikers Charles Bukowski, auf dessen gleichnamigem Roman der Film „Factotum“ basiert. Wer beim Gedanken an Bukowski eher Mickey Rourke in „Barfly“ (1987) vor Augen hat, dürfte sich wundern: Dillon ist weniger versifft und kaputt; seine Hemden sind sauberer, die Zähne weißer, und seine Haare hängen auch nicht so strähnig herunter. Statt des verlumpten Gossenhelden sehen wir einen ungewaschenen Hängertyp.

Dillon macht das sehr gekonnt. Er schleppt sich durch den Film, als trüge er Bleiklamotten. Seine stiernackig gewordene Statur verleiht Chinaski zusätzlich ein paar Pfund innere Schwere. Ihm zur Seite steht die stets beeindruckende Lili Taylor, die mit nuttiger Wodka-Stimme ihre Sätze mehr geräuschvoll keucht als spricht. Der bullige Dillon und Taylor, die Schlampe: eine ungewöhnliche amour fou, die dem Paar Mickey Rourke und Faye Dunaway aus „Barfly“ keineswegs nachsteht.

Dillon und Taylor vagabundieren durch ein labiles Universum aus Alltagsepisoden, in dem Jobs genau so wie Bekanntschaften nach dem Hire-and-FirePrinzip gehandhabt werden. Chinaski lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen – nicht mal, weil er besonders cool wäre, sondern aus einer trotzigen Gleichgültigkeit gegenüber dem zähen Brei namens Leben. Wenn es nachts im Haus brennt, schlurft er aus dem Bett, sieht nach und legt sich wieder schlafen: „Ist nur die Feuerwehr.“ Und nach dem Kotzen geht er gewöhnlich zum Kühlschrank und greift sich das nächste Bier. Für einen Mann des Wortes ist er nicht viel gesprächiger als Buster Keaton in seinen tragikomischen Momenten.

Wie kommen solche Lakonie und Trägheit ins amerikanische Kino? Regisseur Bent Hamer, der schon mit „Kitchen Stories“ Humor bewiesen hat, stammt aus Norwegen. Da ist man eher unpathetisch – also reißt Hamer keine existenziellen Gräben auf, sondern arbeitet lieber mit wohl temperierter Situationskomik und trockenen Sprüchen. So wird Chinaskis ereignisarmes Leben im Kino doch noch ziemlich witzig.

Delphi, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Odeon (OmU), Yorck

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