Kultur : Dichter, Denker, Netzwerker Das DHM zeigt „Die drei Leben des Stefan Zweig“

Kerstin Roose

Die Pei-Halle des Deutschen Historischen Museums hüllt sich in warmes Karmesinrot. Es ist die gleiche Farbe, in der auch das Salzburger Arbeitszimmer Stefan Zweigs erstrahlte, dem das DHM nun eine Ausstellung widmet. Zweig, vor allem bekannt als Novellist und Verfasser historischer Miniaturen, war an vielen Orten dieser Welt zu Hause – in Berlin hat er zumindest ein Semester lang Philosophie und Literatur studiert.

„Die drei Leben des Stefan Zweig“ hat der Berliner Kurator und Zweig-Biograf Oliver Matuschek die Ausstellung genannt, womit er an eines von Zweigs bekanntesten Werken anknüpft. Dessen 1942 posthum erschienenes Buch „Die Welt von Gestern“, gleichermaßen Zeitgemälde wie Autobiografie, sollte ursprünglich den Titel „Meine drei Leben“ tragen. Es ist daher nur konsequent, wenn die Ausstellung auch der zeitlichen Gliederung des Buchs nachempfunden ist. Eingehend dokumentiert sie in einem klaren, chronologischen Aufbau Zweigs Leben und Werk: seine Kindheit und Jugend in Wien (1881-1918), die glückliche Zeit in Salzburg (1919-1934) sowie die düsteren, von Depressionen geprägten Jahre im britischen und brasilianischen Exil (1934-1942), wo Zweig gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Lotte Altmann schließlich den Freitod wählte.

Jedem dieser drei Lebensabschnitte ist ein eigener kleiner Raum gewidmet, die sich als Würfel höhlenartig in den Gesamtraum integrieren. Während darin weitgehend das Bild des Privatmanns Zweig entfaltet wird, reihen sich außerhalb Notizbücher, Erstdrucke, Porträts und Handschriften in Schaukästen aneinander. Belebt wird diese Vitrinenästhetik zwar durch einige wenige Film- und Hördokumente, darunter eine der seltenen Tonaufnahmen von Zweig selbst – lebendig aber wird sie erst durch das Aufeinandertreffen kulturhistorisch bedeutsamer Dokumente. Denn Stefan Zweig war nicht nur Schriftsteller und engagierter Briefschreiber, sondern zeit seines Lebens auch ein passionierter Sammler von Handschriften.

„Für Schach ist nun, wie für die Liebe, ein Partner unentbehrlich“, lässt er den Erzähler in seiner berühmten „Schachnovelle“ konstatieren. Und auch Zweigs künstlerisches Schaffen, vor allem das macht der Rundgang deutlich, lässt sich ohne die so inspirierten wie inspirierenden Partnerschaften zu verschiedensten Größen der europäischen Geistesgeschichte weder denken noch darstellen. Den Kuratoren, die dem Besucher vor allem einen Blick in die Zweig’sche Werkstatt und den Prozess seines Schreibens eröffnen möchten, ist das schwierige Unterfangen gelungen, wesentliche Sammlerstücke aus dem Nachlass zusammenzutragen. Dazu gehört Mozarts Lied „Das Veilchen“ ebenso wie Schuberts „An die Musik“, ein Skizzenblatt Beethovens oder Handschriften von Goethe, Heine, Kafka und Thomas Mann, um nur einige Objekte zu benennen. Zum einen entspinnt sich zwischen diesen Dokumenten selbst ein apartes, obgleich imaginäres Geistergespräch der Geistesgeschichte, zum anderen entfalten sie zwischen den karmesinroten Wänden das Bild Stefan Zweigs als kulturhistorischem Vernetzer. Kerstin Roose

bis 12. 5., Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Hinter dem Gießhaus 3

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