Kultur : Dichters Stadt

Weimar und die Goethe-Medaillen 2005

Bernhard Schulz

Jedes Jahr erhebt sich die bange Frage, wie die Goethe-Medaillen verliehen werden können, ohne den Namensgeber über Gebühr zu strapazieren. Was wäre, bei (seit 1955) 291 vom Goethe-Institut Geehrten, noch nicht zum Dichterfürsten gesagt? Dieses Jahr wurden erneut fünf Persönlichkeiten aus dem Ausland erwählt, die sich um die deutsche Sprache und den internationalen Kulturaustausch Verdienste erwarben: die Autorinnen Ruth Klüger und Yoko Tawada, die Dirigentin Simone Young, der ukrainische Literaturwissenschaftler Dmytro Satonsky und der äthiopische Philosoph Samuel Assefa.

Assefa hat als Sohn eines äthiopischen Botschafters eine deutsch-äthiopische Biografie; sein Fachgebiet ist die deutsche idealistische Philosophie, vor allem Hegel. Der Geehrte plädiert beim Festakt im Residenzschloss in Anknüpfung an Hegels Gedanken zur Moderne für den „Dialog zwischen disparaten Kulturen“. Goethe-Präsidentin Jutta Limbach widmet dem „Weimarer Nebeneinander von großen Geistern und einem der berüchtigsten Konzentrationslager“ ihre Begrüßungsansprache und wendet sich insbesondere an Ruth Klüger. 1931 in eine jüdische Wiener Familie geboren, kam Klüger als 12-Jährige ins KZ; mit ihrer Mutter gelang ihr die Flucht. In „Weiter leben. Eine Jugend“ (1992) schildert sie ihre traumatischen Erlebnisse. Hier fand Laudator Heinrich Detering den Satz: „Um mit Gespenstern umzugehen, muss man sie ködern“, die Lebensdevise Klügers.

Die Biografie des Germanisten Dmytro Satonsky ist von Stalins Diktatur geprägt: Sein Vater wurde 1938 als Volksfeind erschossen, dem Sohn gelang es nur, durch Verheimlichung seiner Herkunft eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Als er 1965 seine Monografie „Franz Kafka und die Probleme des Modernismus“ veröffentlichte, hatte er – so Laudatorin Barbara Monheim – so etwas wie die Quintessenz seiner Lebenserfahrung formuliert.

In zwei Wirklichkeiten lebt die Wahlhamburgerin Yoko Tawada: Sie veröffentlicht auf Deutsch und Japanisch. Die Laudatio von Ursula März thematisiert das Verschwinden der Person im Text, ja das Verschwinden überhaupt – bis zur Paradoxie, man dürfe es „niemandem sagen, aber Europa gibt es nicht“. Und das in Weimar, der Stadt nicht nur der Dichter, sondern auch der Komponisten. In seiner Laudatio auf Simone Young wies Roger Wilkins darauf hin, wie die 44-jährige Dirigentin die deutsche Musik nach Australien und australische Musiker nach Deutschland brachte, wo sie bei Barenboim in Bayreuth und an der Berliner Staatsoper tätig war. Derzeit ist sie Intendantin der Oper in Sydney, in diesem Sommer wechselt sie in gleicher Funktion in die Hamburger Staatsoper. Weimar, die Goethe-Stadt, ist eben auch die Stadt von Wagner und Liszt.

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