Kultur : Dichters Zettelkasten

Ulrich Deuter

Elfie hat mit allen was. Eigentlich gehört sie zu Ernst und Beatrix, dem Kind. Doch irgendetwas treibt sie heute in die Arme dieses, morgen jenes Herrn vom Chor, in dem sie Alt singt, gern nach der Probe von Haydns Schöpfungs-Oratorium. Sicher, Ernst ist ein Liebesbettler, das mögen Frauen nicht. Doch die Herren Hallwachs, Griebel, Dechant oder der "rote Karl" Holzer sind auch nicht das, was eine Frau Alles vergessen lassen ließe. Nein, "Die Freude am Leben" kann es nicht sein, die Elfie Steinheuer viele Männer und ein übles Image sammeln lässt, der Titel, den Tankred Dorst seinem jüngsten Stück gegeben hat, ist Ironie.

Wohin es mit Elfie führen wird, wird bald angedeutet, denn da gibt es einen Bruno, der hat eine Kontaktanzeige geschrieben und bekommt nun Besuch von Marion Sommer, die vor Willigkeit platzt. Bruno aber sitzt im Knast. Und Elfie sagt einmal zu Hallwachs: "Schneid auf!" Da meint sie zwar die Blusenknöpfe. Doch dann schreit sie ihren Ernst an: "Lass dich doch scheiden! Schmeiß mich ins Wasser. Du bist ja bloß zu feig!" Das trifft den Ernst kaum, denn er ist ein Butterweicher, doch feige bleibt er nicht für immer. Am Ende hat er sie erwürgt und sitzt dann auch im Knast.

"Die Freude am Leben", wie immer entstanden unter Mitwirkung von Dorsts Frau Ursula Ehler, ist ein Short-cuts-Stück, 19 Figuren in 27 Szenen mit Namen wie "Die Türen springen auf" oder "Frau Griebel fällt um". Bei der Uraufführung in den Bonner Kammerspielen hat Bühnenbildner Martin Kukulies des Autors Vorschlag ignoriert, die Szene in Segmente aufzuteilen, und einen Einheitsraum gebaut, eine Art Foyer von kühler Machart, in dem nun nicht die kurz geschnittenen, vielleicht simultanen Einblicke geboten werden, sondern ein recht behäbiges Breitwandbild.

In ihm malt Regisseur Harald Clemen an einem "Drama", wie das Stück im Untertitel heißt, das so recht keins werden will. Dies zum Einen deshalb, weil wir - und das Stück mit uns - in so gepolsterten Zeiten leben, dass es ein Drama schwer hat. Die Elfie ist eben keine Marie aus "Woyzeck", auch wenn sie so endet, weil es für Seitensprünge heute diskrete Verfahren bis hin zur Internet-Agentur und für den Schmerz des Betrogenwerdens die Paartherapie gibt.

Wenn aber nun doch jemand innerlich zum Betrügen getrieben wird wie Elfie und jemand zum Morden gedrängt wird wie Ernst, dann muss die hilf- und rat- und ausweglose Pein schon sichtbar werden, die in den Figuren wühlt. Doch das wird sie nicht; das ist der andere, der Bonner Grund dafür, dass dies kein Drama wird. Was wütet und pocht in Ernst, der seiner Elfie nachläuft, wenn sie zu den anderen geht, unten steht, hinauf schaut, sich Gedanken macht? Was bohrt in ihn hinein, wenn die ganze Chor-Gesellschaft hämisch seine Hörner tätschelt? Wir können es ahnen, Rainer Kühn zeigt es uns nicht: jenes Fassungslose, das dann zufasst. Und was bringt Elfie dazu, ganz deckungslos unter andere Decken zu schlüpfen, welcher Drang ist es, der sie von Mann zu Mann treibt und dessentwillen sie sich selber hasst, vernichtet werden will? Julia Wieninger legt ihn nicht bloß. In ihrer Elfie drängt kein Drang, da schnurrt ein Wägelchen, dessen Bettenfahrten sie ohne recht zu begreifen hinterher schaut.

Wieningers Elfie wäre gern naiv, darum hüpft sie und dreht sich und schaut verletzungssüchtig. Dorsts Elfie aber ist süchtig nach letzter Realität, nach Urzustand. Und darum rücksichtslos und darum böse und wegen all dem ein armes, aus dem Paradies, dem Sinn vertriebenes Menschenkind. Daher die Sache mit der "Schöpfung", von der wir immer wieder ein paar Zeilen und Takte zu hören und einmal Adam und Eva selbst in anakreontischer Nacktheit zu sehen bekommen. ("Holde Gattin, dir zur Seite, fließen sanft die Stunden hin...".)

Wir wünschen Elfie, dass sie nach ihrem Tod hineingekommen ist ins Paradies; ihr Ernst besaß es bisweilen schon hienieden, wenn Elfie ihm für fünf Minuten wieder nahe war, er nannte es "die Freude am Leben". Rechtsanwalt Neuner aber wird wohl in die Hölle kommen, wenn sein Verfolgungswahn endgültig geworden ist, ebenso die andern Chormitglieder: die neidisch-gehässige Zehelein (Monika Kroll), der geizige Griebel, der eiskalte Chirurg Harry Hallwachs (Wolfgang Rüter), der konsequent nichts schreibende Dichter Hermann Dechant, ein Nietzscheanerchen in Strickjacke mit pastoraler Lüsternheit und der Erotik eines alternden Popstars (überzeugend: Giovanni Früh).

Der große Theaterkritiker und Theatererzähler Georg Hensel hat Dorst unter die Naturalisten eingereiht, und in der Tat ist der 1925 geborene Dramatiker ein Psychologe und meisterlicher Dialoge-Schreiber. Doch Dorst, Büchner-Preisträger 1990, sieht weniger scharf hin als liebend darum herum und darüber hinaus. Was er in den Blick nimmt und in der Versuchsanordnung, die seine Stücke immer sind, auf und nieder steigen lässt, sind die Sehnsuchtshüllen um seine Figuren.

Dass diese in diesem Stück nicht zucken und wenig schweben, liegt auch an der Versuchsanordnung selbst, die ein bisschen wie ein ausgekippter Zettelkasten oder, höflicher, wie Parerga und Paralipomena aussieht; es gibt viele alltagswahre Dialoge, doch nichts in diesem Stück ist wirklich notwendig. So schießen sich einmal alle Figuren nacheinander tot, stehen dann wieder auf und wischen sich die Wunde von der Stirn. Ein Gag? Ein göttlicher Gnadenakt? Um das zu verstehen, hätte uns die Regie schon helfen müssen. Tat sie aber nicht. Sie inszenierte brav vom Zettel, vom Blatt.

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