Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker : Amazonisch

Gerade haben sie noch in Beethovenschem Idealismus geschwelgt. Jetzt tanzen die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker lateinamerikanischen Tango.

Johannes Metternich
Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker
Die 12 Cellisten der Berliner PhilharmonikerFoto: Stephan Roehl

Schon beim Einzug grinsen die Musiker schelmisch, als würden sie sich ganz besonders auf diesen Abend freuen. Kein Wunder, wurde doch zuletzt im Großen Saal der Philharmonie nichts weniger als die Achsenzeit der neueren europäischen Musikgeschichte verhandelt: Beethovens Symphonien, die durch die Epochen fegen und in der Neunten münden. Alles Monumentale lassen die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker am Montagabend (wohlverdient) hinter sich. Statt Beethovenscher Gravität jetzt also lateinamerikanische Verspieltheit und Leidenschaft.

Stürmisch geht’s durch Heitor Villa-Lobos’ Bachianas Brasileiras Nr. 1 und 5, jenem Amalgam aus brasilianischen Volksweisen und bachschem Motettensatz. Kraftvoll und doch immer präzise und aufmerksam tänzeln sich die Cellisten durch die zahlreichen Tempowechsel der ersten Bachiana, nehmen den traumhaft süßen zweiten Satz trotzdem ernst. Auch in der fünften weiß sich das Duodezett an den richtigen Stellen zu zügeln. Geduldig geben die Cellisten der Sopranistin Anna Prohaska den Raum, um mit erfrischend heller und schlanker Stimme die lautmalerisch komponierte Dämmerung nachzuzeichnen und im zweiten Satz behände amazonische Vögel zu besingen.

Steckt aber noch so viel Kraft im ersten Teil, gerät dieser doch bloß zum Vorspiel für den zweiten. Ein Feuerwerk an Leidenschaft explodiert in den Tangos von José Carli, Horacio Salgán und Astor Piazzolla, der in den 50er Jahren in Argentinien mit klassischem Tango bricht und den mit zeitgenössischen, oft jazzigen Elementen angereicherten Tango Nuevo begründet. Seine Musik verblüfft zunächst im forschen „Lunfardo“, fordert dann mit „Libertango“ und „Adios Nonino“ zum Tanz auf, gibt sich im nächsten Moment mit „Soledad“ tiefster Melancholie hin. Laura Fernández und Daniel Orellana bieten dazu ein überwältigendes, aber nie übertriebenes Tanzspektakel. Die Zuschauer sind zu Recht begeistert – und die 12 Cellisten ganz sicher auch.

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