Kultur : Die Ästhetik des Baugerüsts

Urformen der Architektur im Berliner Ausstellungsraum Loop

Knut Ebeling

Das Thema Kunst und Architektur war spätestens nach dem letzten Berliner Architektursommer mit zahlreichen Sonderausstellungen passé. Doch es ist ein ehernes Gesetz, dass die besten Shows eine Saison früher oder später als ein Festival laufen. Galerist Rüdiger Lange schiebt in seinem Ausstellungsraum „Loop“ jetzt eine so unspektakuläre wie frische Präsentation nach. Das liegt zum einen an den sieben Künstlern, deren malerische und plastische Arbeiten zu einer stimmigen Präsentation zusammengestellt wurden. Zum anderen liegt das aber auch daran, dass in der gegenwärtigen Flut an künstlerischen Arbeiten zu Architektur glänzende Fassaden und schicke Modelle dominieren. Im aktuellen Ausstellungsbetrieb liefert die Architektur eine Folie von Fantasien grenzenloser Machbarkeit und unbeschränkter Möglichkeiten.

Die Ausstellung „Konstruktion/Statik“ bringt diese Wunschgebäude einer designorientierten Architekturdiskussion in aller Nüchternheit zum Einsturz – und zwar nicht dadurch, dass sie die diskursiven Strategien des Architekturbooms auseinander nimmt, sondern indem sie positiv zeigt, was Architektur eigentlich ist: nämlich Konstruktion durch Statik. In der konsequenten Befolgung dieser Formel der klassischen Ästhetik – in der die Statik als das funktionale, die Konstruktion als das ästhetische Moment der Architektur verstanden wurde – stoßen die Künstler der Ausstellung auf Rohbauten der Architektur, die so martialisch aussehen wie ein Baugerüst. Diese andere Ästhetik zeigt, dass die Grenzen zwischen der Funktion und der Form tatsächlich fließend sind.

Als Pionier dieser Grundformen der Architektur steht der 1953 geborene Künstler Eberhard Bosslet, der bereits 1988 einen kofferförmigen Block aus architekturalen Ingredienzen zusammengestellt hat. Er komprimiert die Zutaten, aus denen andere Häuser bauen: Holzbalken, Metallstreben, Steinquader (22000 Euro). Der eine Generation jüngere Karsten Konrad kombiniert diese elementaren Bausteine neu und hängt sie an die Wand, wo sie eine ungeahnte ornamentale Wirkung entfalten (je 400 Euro).

Ebenfalls an der Wand befinden sich die Arbeiten von Achim Kobe und Götz Valien. Valien, der letzte Kino-Plakatmaler Berlins, hat einen futuristischen Raum in poppigen Farben gemalt, von dem man kaum sagen kann, wo die Statik aufhört und die Konstruktion beginnt (9000 Euro). Kobe lässt aus den denkbar einfachsten Mitteln – zwei schwarzen Streifen – einen zweidimensionalen Raum entstehen (2600 Euro). Bei der Konstruktion landen auch diejenigen Arbeiten, die sich auf die Suche nach der Statik begeben. Oliver van den Berg hat die Grundform des Stadions gesucht und glitzernd-geschwungene Strebenskulpturen gefunden, die so astronomisch wirken wie eine Carrerabahn (um 6000 Euro); Roland Boden zeigt einen postminimalistischen Metallquader, dessen repetitive Form ebenso zufällig ist wie die von Duchamps Flaschentrocknern (6000 Euro); und Dominic Wood stellt ein Regalsystem so zusammen, dass es so logisch-verwirrend wie ein barocker Treppenaufgang wirkt (2400 Euro).

Alle Aufstiege zu den Urformen der Architektur enden in Irritationen. Jeder Versuch einer Grenzziehung zwischen funktional und formal stiftet heillose Verwirrung. Spätestens sobald man nicht mehr sagen kann, wo das Funktionale aufhört und der Traum beginnt, befindet sich die Architekturdiskussion auf einem Weg, der über das Fassadenhafte weit hinaus geht.

Loop, Köpenicker Straße 16, bis 7. August, Mittwoch bis Sonnabend 14–18 Uhr.

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