Kultur : Die Akte Scholl

„Ich bereue nicht“: Zum Film über die Widerstandskämpferin erscheinen neue Dokumente zur Münchner Gruppe „Die Weiße Rose“

Bodo Mrozek

Einmal könnte sich das Blatt noch wenden. Sophie Scholl (Julia Jentsch) sitzt dem Gestapo-Beamten Robert Mohr (Alexander Held) gegenüber, am 20. Februar 1943. Nach Stunden des Verhörs tritt Mohr ans Fenster. „Ist es denn nicht so gewesen, dass Sie sich auf ihren Bruder verlassen haben, dass es richtig war, was er getan hat und sie einfach nur mitgemacht haben?“ Der Kriminalsekretär will der Widerstandskämpferin eine Brücke bauen, damit sie ihren Kopf doch noch aus der Schlinge ziehen kann. Doch die des Hochverrats beschuldigte Studentin lehnt ab. Danach geht alles sehr schnell. Zelle, Blitzgericht, Gefängniswagen, Todeszelle. Am 22. Februar werden Hans und Sophie Scholl und ihr Freund Christoph Probst mit dem Fallbeil hingerichtet.

Marc Rothemunds filmisches Kammerspiel „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, auf der Berlinale mit zwei Bären ausgezeichnet, konzentriert sich auf die 21-jährige Sophie und die kurze Zeit nach ihrer Verhaftung. Die Geschichte der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ endete jedoch nicht mit dem Tod der Scholls: Alexander Schmorell wird mit Professor Kurt Huber und Willi Graf im April zum Tod verurteilt; in Hamburg sammelt eine Gruppe um Hans Leipelt Geld für Hubers Witwe, Leipelt wird 1945 in Stadelheim geköpft. Heinz Kucharski, der ebenfalls in Hamburg Flugblätter vervielfältigt, kann fliehen. Harald Dohrn, Freund der SchollGruppe, beteiligt sich an der „Aktion Freiheit“ und wird in den letzten Kriegstagen erschossen. Auch eine Berliner Gruppe erhält Flugblätter, Mittelsmänner aus dem Militär sind am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligt. Verwandte der Verurteilten kommen in „Sippenhaft“, einige sterben an den Haftfolgen.

Dass die Geschichte der „Weißen Rose“ heute so gut aufgearbeitet ist, verdankt sich maßgeblich der Schwester Inge Scholl und ihrem Buch „Die Weiße Rose“. Hinzu kommen die Brief- und Tagebuch-Editionen von Anneliese KnoopGraf, Willi Grafs Schwester, die Wanderausstellung der Stiftung „Weiße Rose“ und das Engagement Franz Müllers, der als Mitglied des Netzwerks ebenfalls in Haft kam. Die Verhörprotokolle, auf denen das „Sophie Scholl“-Drehbuch von Fred Breinersdorfer basiert, galten lange Zeit als verschollen. Sie tauchten erst bei der Öffnung der DDR-Archive auf. Die Stasi hatte sie unter Verschluss gehalten, vermutlich, um den bürgerlichchristlichen Widerstand herunterzuspielen. Umgekehrt wurde in der Bundesrepublik die kommunistische Opposition wenig gewürdigt. Die Vernehmungsprotokolle sind seit zehn Jahren in der Forschung bekannt, zum Filmstart werden sie nun erstmals, bei Fischer, ediert.

Verfolgerakten, darauf weist der Militärhistoriker Gerd R. Ueberschär hin, sind mit Vorsicht zu behandeln, denn sie sprechen die Sprache der Täter. Dennoch lässt sich in den Akten nachvollziehen, wie die Scholls anfangs erfolgreich leugneten. Erst als Wohnungsdurchsuchungen belastendes Material zu Tage fördern, gaben sie Auskunft: über Parolen an Hauswänden, die per Post versandten Flugblätter und die beteiligten Freunde, denen die Gestapo ohnehin auf der Spur war.

Über die frühen Tage und das geistige Fundament der Gruppe, das zuletzt Barbara Schüler dargestellt hat (Im Geiste der Gemordeten. Zürich, Schöningh-Verlag 2000), erfährt man in den Akten allerdings nichts. Es muss an der von Hitler befohlenen schnellen Hinrichtung gelegen haben, dass darin nicht einmal angesprochen wird, wie die Geschwister schon früher in die Fänge der Gestapo gerieten. In der Hitlerjugend war Hans Scholl mit den freigeistigen Ideen des verbotenen Jugendbundes „dj.1.11“ in Berührung gekommen, dessen Gründer Eberhard Koebel ins Ausland geflohen war. Seine Zeitschriften mit der Kleinschreibung des Bauhauses und abstrakter Grafik hatte die Gestapo schon 1937 im Haus der Scholls gefunden. Die Jugendlichen transportierte man auf Lastwagen ab. Sophie, die man wegen ihres Haarschnitts für einen Jungen hielt, kam wieder frei, Hans blieb acht Tage in Haft. Willi Graf war Mitglied eines illegalen Jugendbundes, des „Grauen Ordens“ und hielt Verbindung zu ehemaligen Mitgliedern, der Halbrusse Alexander Schmorell begeisterte sich für Russland. Sie alle waren innerhalb des NS-Systems dessen Gegner geworden.

Die von Dostojewski, Stifter und Stefan George geprägte Sprache der „Weißen Rose“ – ein auf dem Briefwechsel von Sophie und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel basierendes Buch erscheint demnächst im Arche-Verlag – ist in den Protokollen nicht zu finden. Sie sind in der kalten Amtsprosa des Apparates abgefasst. Doch selbst hier scheint immer wieder die Entschlossenheit durch, die selbst einen Nationalsozialisten wie Mohr beeindruckt hat. Es liegt in der Freiheit eines Filmemachers zu ergänzen und zu gewichten, auch Dialoge zu erfinden.

Das Angebot des Gestapo-Beamten an Sophie Scholl, die Schuld auf ihren Bruder zu schieben, basiert aber auf dem Vernehmungsprotokoll. Die Akte mit der Nummer ZC 13267 aus dem Bundesarchiv endet mit einem erstaunlichen Bekenntnis: „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen (...) auf mich nehmen.“

Sophie Scholl – Die letzten Tage, hg. von Fred Breinersdorfer, Fischer 2005, 480 S., 12,90 Euro. Der gleichnamige Film läuft ab heute in 15 Berliner Kinos, mit engl.Untertiteln im Cinestar Sony-Center.

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