Kultur : Die alten Wilden

Schock der Moderne: Zeichnungen von Schiele, Klimt, Kokoschka und Kubin im Bröhan-Museum

Ulrich Clewing

Die Anklage war schwer wiegend. Angeblich sollte der Künstler sich der Verführung Minderjähriger sowie weiterer Delikte schuldig gemacht haben. Am 13. April 1912 wurden in seinem Atelier in Neulengbach bei Wien 125 „erotische“ Zeichnungen beschlagnahmt, Egon Schiele selber kam in Untersuchungshaft, wo er 24 Tage schmorte. Bei der Verhandlung stellten sich die Vorwürfe als haltlos heraus, lediglich wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ erging eine dreitägige Haftstrafe, die mit der Untersuchungshaft abgegolten war. Für Schiele war die Zeit im Gefängnis ein Schock, den er lange nicht überwand. Ein letztes Mal hatten ihm die Autoritäten gezeigt, was es heißt, im maroden Kaiserreich die Kunst zu revolutionieren.

Vier künstlerische Aufrührer aus der Zeit um 1900 präsentiert eine Ausstellung im Bröhan-Museum: Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin und Egon Schiele. Dass es sich um sehr unterschiedliche Temperamente handelt, trägt viel zum Reiz der Schau bei, die ausschließlich Grafiken einer österreichischen Privatsammlung versammelt.

Egon Schiele, 1890 in Niederösterreich geboren, zog als Sechzehnjähriger nach Wien, um Kunst zu studieren. Mit zwanzig porträtiert er die Größen des Wiener Kulturlebens, mit einundzwanzig flieht er wegen seiner wilden Ehe aus Krumau. Doch keine sechs Jahre nach seiner Gefängnishaft wird er als legitimer Nachfolger Klimts als erster Maler Wiens gefeiert. Im selben Jahr, 1918, stirbt Schiele an der Spanischen Grippe.

In der Ausstellung sind nur fünf Arbeiten von ihm zu sehen, sie genügen, um Schieles zeichnerische Brillanz zu offenbaren. Mit wenigen Handbewegungen und feinen Akzentuierungen gelingt es ihm, ein Gegenüber zu charakterisieren: im 1917 entstandenen Bildnis Karl Grünwald oder einem Akt von 1918. Schieles Strich wirkt nervös und gleichzeitig bewundernswert präzise, fast so, als hätte er während des Zeichenvorgangs die Tragik seines Lebens vorausgeahnt.

Auch Gustav Klimt hatte Wien einmal in Aufruhr versetzt mit seinen Deckengemälden für die Wiener Universität, den so genannten „Fakultätsbildern“. Manchmal blitzt die graduelle Abkehr vom Naturalismus zugunsten einer enigmatischen Metaphorik auch in seinen Papierarbeiten auf, zum Beispiel beim „Liebespaar nach rechts liegend“ (1904/05). Insgesamt jedoch ist Klimt im Vergleich mit Schiele hier der Gefälligere, auch deshalb, weil er dem Medium Zeichnung nicht dieselbe Bedeutung beimaß.

Der künstlerisch avancierteste in dieser Viereranordnung war Oskar Kokoschka. Bei ihm ist die Moderne, die sich bei den beiden anderen erst ankündigt, schon vollends Gegenwart. Kokoschka tritt den Beweis an, dass psychologisches Einfühlungsvermögen und Individualität nicht zwangsläufig den doppelten Boden des Realismus benötigen. Seine Bildmotive haben sich ganz von ihren Vorbildern abgelöst, die Linienführung ist frei, eigenständig und mehr Ausdrucksträger als Darstellungsmittel.

Alfred Kubin ist in dieser Nachbarschaft der einzige reine Zeichner. Zeit seines Lebens hat er sich auf das Medium Grafik beschränkt und darin eine Meisterschaft erlangt, die mit seiner Vorliebe für Abgründiges eine sich gegenseitig befruchtende Verbindung ergab. Auf einem Blatt wie „Zwickledt als Wüstenei“ (um 1920) kommt es einem vor, als sei der Dreißigjährige Krieg noch in vollem Gange. So hat Kubin das Fin de Siècle weit ins 20. Jahrhundert hineingetragen: als großen Albtraum.

Bröhan-Museum, bis 29. Mai, Di–So 10-18 Uhr, Katalog 23 Euro.

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