Kultur : Die andere Seite des Lichts

Michaela Nolte

Dass Licht nicht nur sanft Wellen ausstrahlt, sondern auch empörte Wogen schlagen lässt, hat der letztjährige Turner-Preisträger Martin Creed mit seinem "work#227: the lights going on and off" gezeigt. Die Galerie Anselm Dreher nimmt das Medium nun in seinem janusköpfigen Charakter ins Visier; frei nach dem Goethe-Motto: "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." Volkhard Kempters Installation "ohne Titel (650 nm)" (8000 Euro) ist in ihrer Reduziertheit ebenso radikal wie Creeds nackte Glühbirne in der Tate Britain, nur nicht so augenfällig provokant. Im Eingangsbereich durchkreuzt Kempter den Ausstellungstitel "light & shadows..." mit einem veritablen Nichts: der Laserstrahl wird nur als beiläufig roter Punkt auf der Wand sichtbar. Die kühne Sachlichkeit evoziert im Zwischenraum des kleinen Aluminiumrohrs und dem scharfen Lichtbündel die Reinheit und Stille des Lichts.

Darüber schwebt und tönt deutlich lauter eine Neoninstallation von John M Armleder (25 000 Euro). Mit der ihm eigenen Nonchalance vollzieht der Schweizer die Quadratur des Farben-Kreises. Bunte Neonröhren rekurrieren auf der Schwelle von Erhabenheit und Trivialität barocke Deckengemälde, das Tondo der Renaissance, und durch die konzentrischen Kreise leuchten die "Targets" von Jasper Johns ebenso wie der tödliche Zielpunkt des Scharfschützen. Empfehlenswert ist ein Besuch besonders in der Dämmerung, wenn der Lichtkreis, durch die Glasfront gespiegelt, einen irisierenden Blick auf den Himmel freilegt.

Ange Leccias Frauenporträt verschließt den gefälligen Zugang gleich auf mehreren Ebenen: einerseits im kryptischen Titel des Videos "ISA (blue, red, yellow, green and black)" (12 500 Euro), andererseits wenn das Auge sich der jungen Schönen zu nähern sucht und ihr Antlitz so schnell entschwindet, wie es aufgetaucht ist. Was bleibt, ist ihre Kontur auf dem erloschenen Monitor. Der staccatoartige Wechsel von Bildnis und Nachbild lässt im grellen Aufblitzen nicht mal Raum, sich von der Schönheit blenden zu lassen. Die Präsentation des Videoloops zu ebener Erde verweigert dem Porträt die tradierte Funktion des Repräsentativen. Dennoch gräbt sich die Lichtgestalt aus dem Dunkel ins Gedächtnis ein - geheimnisvoll und beunruhigend zugleich.

Im Dialog mit Leccias Dualismus konterkariert Lawrence Weiner die materiellen Qualitäten des Lichts. Zwei Textkörper aus Klebeband "Balls of Wood - Balls of Iron" (50 000 US-Dollar) verbalisieren die dichotome Weltsicht des Ausstellungstitels als auf- und absteigende Bewegung. Dem für das menschliche Auge nicht sichtbaren Teilchencharakter des Lichts setzt Weiner die extreme Stofflichkeit von Holz und Eisen gegenüber. Zwei Seiten einer Medaille geraten durch die "Balls" in Schwingung und changieren zwischen der Goldkugel des "Froschkönigs" und der Gefahr von Kanonenkugeln.

Arnold Dreyblatt verweist mit "Flashbulb Memory" (15 000 Euro) auf die zerstörerische Kraft des Lichts. Aus drei Stroboskopen blitzen im Sekundentakt Begriffe der Wahrnehmungspsychologie. So wie Weiner die Imagination expressis verbis ins Rollen bringt, wandern bei Dreyblatt Licht und Worte durch das Dunkel. Wie bei einem Experiment zur Konditionierung gerät die Konzentration in einen Schwebezustand. Die Worte event / recall, frame / freeze und now / print tauchen auf, streifen die Ränder der Wahrnehmung und brennen sich in ihrer Flüchtigkeit tief in die Erinnerung ein. Dreyblatt hat Hegels Diktum von der puren Immaterialität des Lichts überwunden und erinnert mit dem konnotierten Atomblitz an den Verlust der Unschuld. Viel Licht birgt starke Schatten.

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