Die Ausstellung "Parallelwelt Zirkus" in Wien : Mit den Clowns kamen die Themen

Viele Künstler fühlen sich als geistige Brüder der Artisten. Sogar solche, denen man es gar nicht zutraut. Der Mobile-Meister Alexander Calder beispielsweise oder die Designer Charles & Ray Eames. In der österreichischen Hauptstadt wird nun das Museum zur Manege

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Große Gaukelei. 2004 inszenierte der britische Pop-Artist Peter Blake eine malerische „Marcel Duchamp’s World Tour“ mit diversen Zirkusgestalten.
Große Gaukelei. 2004 inszenierte der britische Pop-Artist Peter Blake eine malerische „Marcel Duchamp’s World Tour“ mit diversen...Peter Blake/ VBK, Wien 2012

Ein Elefant schraubt seinen Rüssel in die Wand, dreht sich auf den Rücken und hält die Füße in die Luft. Das ist selbst für eine Zirkusnummer ziemlich unmöglich, führt aber klar vor, in wessen Hallen man sich hier bewegt. In denen der Kunst, wo immer noch ein bisschen mehr geht als in der Manege – und Daniel Firman einen Dickhäuter jederzeit schweben lassen kann.

„Nasutamanus“ (2012) heißt die lebensgroße Skulptur des französischen Künstlers. Das klingt dann doch nach Budenzauber, und wer sich zwischen herumliegenden Clowns (Ugo Rondinone), herabhängenden Lichterketten (Jeppe Hein) und an die Wand gelehnten Tanzreifen (Ulrike Lienbacher) einen Weg bahnt, der vergisst in der Wiener Kunsthalle immer mal wieder, dass es einen Unterschied zwischen den beiden Sphären gibt.

„Parallelwelt Zirkus“ wird als letzte Schau von Gerald Matt verantwortet. Der vorzeitige Rücktritt des Kunsthallen-Direktors im März dieses Jahres resultierte aus dem Vorwurf, er habe Geschäftliches mit Privatem verquickt. Sein Nachfolger Nicolaus Schafhausen wird das Haus wohl neu ausrichten – schon weil seine Name nicht für narrative, opulente Inszenierungen steht. So zieht „Parallelwelt Zirkus“ einen Schlussstrich unter „jene aufwendigen Ausstellungen des Hauses, in denen sich nicht nur Interessen und Leidenschaften der Künstler artikulieren, sondern auch die Lebenswelten und -fragen des Publikums widerspiegeln“, wie es Thomas Häusle als Präsident des Vereins der Kunsthalle formuliert. Dabei gibt sich das Thema bloß auf den ersten Blick populär: Ausstellung und Katalog fundieren es durchaus auch wissenschaftlich.

Den Künstlern wiederum scheint die Welt der Gaukler so nah und vertraut, dass sie die Rollen nur zu gern tauschen. Da steigt Cindy Sherman für die leuchtende Farbfotografie „Untitel # 423“ von 2004 in das Kostüm des dummen August, dressiert der amerikanische Künstler William Wegman für das Video „Dog Duet“ (1975/76) zwei seiner Weimaraner, bis sie wie Zuschauer beim Tennismatch unaufhörlich die Augen von rechts nach links bewegen. Und es springt Alexander Calder komplett in die Rolle des Zirkusdirektors, um handgroße Artisten aus Draht und Holz zum akrobatischen Leben zu erwecken.

Der portugiesische Filmemacher Carlos Vilardebo hat ihn 1961 in dem Film „Le cirque de Calder“ beobachtet. Ein alter Mann, der seine Miniaturmanege mit kindlicher Begeisterung bespielt. Gleichzeitig schlägt der Bildhauer eine Brücke in die Vergangenheit, denn schon während seines Studiums in den Zwanziger Jahren fertigte Calder Illustrationen des in New York gastierenden Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus. Diese Faszination für Gaukler und Artisten hielt ein Leben lang an und findet sich bei vielen der knapp 40 beteiligten Künstler.

Darunter der 1934 geborene Peter Blake, einer der großen Protagonisten der britischen Pop-Art. Berühmt machte ihn sein Coverdesign für das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967), überraschend in Wien ist seine Sammlung von Exponaten aus dem Zirkus: Kostüme, Schuhe, Fotografien. Blakes Großmutter war Tänzerin im Varietee, er selbst gehörte einer Generation an, die den Zirkus als Vorläufer des Showbiz noch als „wunderbare Gegenwelt zu dem Albtraum erlebte, in dem ich mich sonst wähnte“ (Blake). Die Ausstellung zeigt unter anderem Gemälde aus seinem Zyklus „Marcel Duchamp’s World Tour“, einer imaginären Busreise, die Blake als alter ego von Duchamp antritt, um an einer Dress-up-Party mit Damien Hirst und Pablo Picasso teilzunehmen.

Dass sich auch Architekten und Designer wie Charles & Ray Eames für Clowneskes begeisterten, ist weniger bekannt. Das Paar drehte 1971 „Clown Face“ als Lehrfilm für das Clown College des Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus, um die künftigen Faxenmacher in die klassische Schminkschule einzuführen. Doch wie alle Filme von Charles & Ray Eames überschritt auch dieser knapp 20-minütige Beitrag die Grenzen des Schulfilms und geriet zum Diskurs über Symmetrie, Transformation und Verhüllung.

Zirkus als Topos. Als Zerrspiegel, in dem sich Absurdes, aber auch Kritik und Ironie einen anschaulichen und manchmal drastischen Weg ins Bewusstsein bahnen. Der andere Aspekt ist jene Parallelwelt zum Konformen, wie sie vor allem in den USA mit der Freakshow inszeniert wurde. Ihre Protagonisten wollten oder konnten sich als Konsequenz einer körperlichen Missbildung nicht anpassen. Dass der Begriff des Freaks ab den sechziger Jahren auf den Aussteiger überging, passt nur zu gut zum Mythos vom Künstler, der sich ebenfalls nicht konditionieren lassen will und Freiheit für sich beansprucht.

Auch diese Behauptung einer geistigen Verwandtschaft findet sich kondensiert in der Ausstellung wieder. Sie zieht eine Linie von Filmen wie Charlie Chaplins „The Circus“ über Produktionen von Frederico Fellini bis in die Achtziger, in denen Ulrike Ottinger in „Freak Orlando“ ihre androgyne Hauptfigur durch diverse Epochen schickt und immer wieder Außenseiter sein lässt.

Wie man sich in Zeiten der Überregulierung und mit Hilfe von Artisten wehrt, die in ihrer abgezirkelten Welt weiter ohne Netz arbeiten dürfen, demonstriert ein Konzeptkünstler wie Jonathan Monk. „It’s a Circus“ heißt seine Arbeit, die aus vier monochromen Gemälden und mehreren Fotografien besteht. Monk hat Artisten der Wiener Zirkusakademie zu einer „stillen Performance“ eingeladen und sie gebeten, seine Bilder nach ihren Kriterien zu hängen. Ihre artistische Revue während der Aktion hat der Künstler fotografiert.

Das Ergebnis ist ein Zwitter, der den Zufall und das subjektive Geschmacksurteil zu profunden Faktoren im Kunstbetrieb erklärt. Das passt zu Jeppe Hein, der hier wie dort die Gefahr der Illusion wittert. Sein „Light Pavilion“ illuminiert den Raum mit Girlanden aus Glühbirnen – aber nur so lange, wie hinter der Wand ein Besucher in die Pedalen eines alten Hometrainers tritt. Steigt er ab, erlischt der Zauber.

„Parallelwelt Zirkus“, Kunsthalle Wien, Museumsquartier, bis 2.9., Katalog: 29 €.

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