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Die Ausstellung "Unternehmen Oper" : Digitale Desdemona: Bertelsmann zeigt Einblicke ins Ricordi-Archiv

29.08.2013 00:00 Uhrvon
Foto: BertelsmannBild vergrößern
Gedruckte Geschichte. Das Archivio Storico Ricordi besitzt tausende von Partituren, hier Verdis „Falstaff“.

Bertelsmann zeigt in Berlin Schätze aus dem legendären Archiv des Ricordi-Verlags in Mailand.

Galimard in Frankreich, Suhrkamp in Deutschland: Manche Verlage geben nicht nur Bücher heraus. Sie sind Sehnsuchtsorte und Träger nationaler Identität. In Italien hat Ricordi eine ähnliche Rolle gespielt, allerdings nicht in der Literatur, sondern in der Musik. 1808 gegründet, hat der heute zu Universal gehörende Verlag die Operngeschichte Italiens entscheidend mitgeprägt, vor allem in der Zusammenarbeit mit Verdi, aber auch Puccini, dessen Opern nahezu vollständig bei Ricordi erschienen sind.

Zeugnis dieser reichen Geschichte ist das Verlagsarchiv, das Archivio Storico Ricordi in Mailand: Ein Schatz aus fast 8000 handschriftlichen Opernpartituren, nicht nur von Verdi und Puccini, sondern auch von Rossini, Donizetti und Bellini.

Dazu kommen Autographe italienischer Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts wie Bruno Maderna, Luciano Berio (der das Archiv eine „Kathedrale der Musik“ nannte) oder Salvatore Sciarrino. Außerdem 10 000 historische Libretti, der gesamte Briefverkehr zwischen dem Haus und seinen Komponisten und 6000 Fotografien. Die Bestände lagern seit 2003 in der Mailänder Biblioteca Nazionale Braidense, die in einem Palazzo aus dem 17. Jahrhundert untergebracht ist. Teilweise sind sie noch gar nicht katalogisiert.

Das Archiv diente dem Wirtschaftsunternehmen Ricordi als Arbeitsarchiv, aus dem man sich jeder Angestellte nahm, was er gerade brauchte. Die Umwandlung in ein wissenschaftliches Forschungsarchiv wird erst seit einigen Jahren betrieben. 1994 übernahm die Bertelsmann AG den Verlag, den sie 2006 an die Universal Music Group weiterverkaufte. Die Gütersloher behielten allerdings das Ricordi-Archiv, und einen winzigen Ausschnitt davon zeigt jetzt – und nur für zwei Wochen! – die von Gabriele Dotto kuratierte Ausstellung „Unternehmen Oper“ in der Kommandantur Unter den Linden.

Sie ist, natürlich, auch leise Propaganda für Bertelsmann: Seht her, wir kümmern uns, wir sind uns der Verantwortung für dieses Archiv bewusst. Statt des zum Scheitern verurteilten Versuchs, auf wenigen Quadratmetern die ganze Breite der Sammlung zu vermitteln, hat sich Dotto entschieden, nur einen minimalen Teil herauszugreifen, diesen aber mit einer Geschichte aufzubereiten. Erzählt wird, wie sich Giulio Ricordi, Enkel des Verlagsgründers, jahrelang mühte, den als „Bär von Busetto“ ruheständlernden Verdi zur Komposition der „Otello“- und „Falstaff“-Libretti von Arrigo Boito zu bewegen – mit dem bekannten Ergebnis.

Ricordis Kritzeleien schmücken das Libretto der "Otello"-Uraufführung

Zu sehen sind zunächst Briefe. Verdi schreibt an Ricordi, er habe das Otello-Libretto erhalten, aber werde das Paket „noch jahrelang“ ungeöffnet auf seinem Tisch liegenlassen. Im nächsten Brief diskutiert Verdi mit Boito über das Kardinalprobleme der Komödie, bei der – im Unterschied zur Tragödie – das Publikum ab einem bestimmten Punkt immer das Interesse verliere, da der Ausgang klar sei. Und schreibt, mit Blick auf „Otello“: „Wenn ich Desdemona am Ende nicht stranguliere, stranguliert Ricordi mich.“ Die Besucher können diese Dialoge über Kopfhörer verfolgen, von Schauspielern eingesprochen. Ganz lebendig und live erlebbar wird Operngeschichte plötzlich angesichts der enthusiastischen Kommentare, die Ricordi 1887 nach der Otello-Uraufführung mit Bleistift auf sein Libretto kritzelte: „Applausi frenetici“ steht da, „Verdi & Boito“ und „Verdi solo“. Jeden bejubelten Ruf vor den Vorhang hat der Verleger akribisch vermerkt.

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