Kultur : Die Axt im Haus

SANDRA LUZINA

Nackt posieren die 11 Darsteller für ein Gruppenbild, sie hocken auf Koffern und Kisten, einer zupft Mandoline, andere Männer schlagen mit Beilen auf Äste.In der Inszenierung "Der Kirschgarten", mit der die ungarische Truppe Mozgó Ház in den Sophiensälen gastiert, wird gleich die Axt angelegt.Ein Klopfen und Hämmern grundiert die Aufführung, die sich dem Zuschauer regelrecht einhämmern will.Die Nacktheit erscheint im milden Licht der szenischen Metapher.Am Ende gruppieren die Akteure sich in altmodischen Gewändern zu einem nostalgischen Gesellschaftsbild.Bis zum Schluß aber werden die Darsteller sich fortwährend umkleiden und entkleiden, Perücken überstülpen.Vorgeführt werden An- und Ausziehpuppen in einer grotesken Maskerade.

Die Inszenierung von László Hudi setzt ein, wo Tschechows Komödie "Der Kirschgarten" längst geendet hat.Der Kirschgarten ist schon lange abgeholzt, die Vertreibung aus dem Kindheitsparadies hat längst stattgefunden.Doch den Figuren ist selbst der Weg in einen idyllisch-imaginären Erinnerungsgarten verstellt.Drei Monitore zeigen Großaufnahmen der Akteure, die sich in ihren Monologen die vergangenen Geschehnisse zu rekonstruieren versuchen.Den Schwarzweißbildern haftet etwas Nüchtern-Dokumentarisches an.Auf der schmalen Brettl-Bühne nimmt eine andere Art der Erinnerungsarbeit ihren Lauf.Hier wird dem Verschwindenden nochmals Gewalt angetan.Die Figuren schleppen schwer an ihrer Vergangenheit.In einer der gelungensten Szenen sieht man zwei Frauen auf einer Wippe schaukeln, auf die immer mehr Koffer gestapelt werden - diese geben den Figuren Gewicht.Die szenischen Kommentare zu vergilbten Fotos spielen zunehmend ins Groteske und Phantastische.Alles befindet sich in Auflösung.Da werden Babypuppen zerhackt, einer Frau werden wie einer Gliederpuppe Beine und Arme amputiert.

Nicht nur Erinnerungen werden abgetötet, sondern den Figuren wird der Garaus gemacht, sie werden ertränkt und erhängt.Der Regisseur sucht nach immer neuen Bildern für das Entsorgen der Vergangenheit, und dabei fallen viele Späne.Die physischen Demontagen lassen sich unschwer als politischer Kommentar lesen.Doch die szenischen Einfälle werden hektisch aneinandergereiht, die Metaphern hauen allesamt in dieselbe Kerbe.Die phantasmagorischen Anatomien, die monströsen Verwandlungen erinnern an José Nadj, dessen Kompagnie Lászlo Hudi mehrere Jahre angehörte.Dessen Bildlichkeit und suggestive Wirkung erreicht Hudi freilich nicht.

Wieder am 31.Mai und vom 2.bis 7.Juni, jeweils 20 Uhr in den Sophiensälen.

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