Kultur : Die begehbare Skulptur

PETER HERBSTREUTH

Der Künstler Gerhard Merz hatte noch nie ein Haus gebaut und traf sogleich auf Idealbedingungen.Der Bielefelder Betonfabrikant Siegfried Heimer machte wenige, aber klare Vorgaben und gab Merz ansonsten freie Hand.Denn der Bauherr wollte einerseits ein bestimmtes Raumvolumen für eine Lagerhalle und ein Bürohaus nutzen, andererseits dem Material Beton eine exemplarische Gestalt ermöglichen.Der Wille des Auftraggebers, einen bildbestimmenden Bau errichten zu lassen, entsprach dem Selbstverständnis von Gerhard Merz, die Reinheitsgebote rationaler Architektur zu achten.Jetzt zeigt eine Ausstellung in Bregenz, was der Fotograf Jörg von Bruchhausen aus dem Bau gemacht hat: ein blendend klares Gebilde, das die Wirklichkeit noch übertrifft.

Zunächst war Merz für den Entwurf nicht vorgesehen.Der Berliner Architekt Steffen Lehmann sollte bauen.Doch das Vorhaben zerschlug sich in der Planungsphase.Lehmann blieb sein Entwurf gleichwohl wichtig genug, daß er ihn in einem Buch veröffentlichte.Treibende Kraft des jetzigen Baus war der Sohn des Bauherrn, der Kunstberater Peter Heimer.Er vermittelte zwischen dem entwerfenden Künstler, dem Generalunternehmer, den ausführenden Architekten und den Bauleuten, traf mit Gerhard Merz Schritt für Schritt die Materialentscheidungen und konfrontierte ihn mit Fragen, die einem Künstler gleichgültig, für die Bautechnik aber notwendig sind.Auch Gerhard Merz hat in dieser Zeit gelernt.

Im Frühjahr 1997 war der Bau bezugsfertig.Doch als Merz im Sommer anläßlich seiner Beteiligung im deutschen Pavillon zur Kunst-Biennale in Venedig vom Nachrichtenmagazin "Spiegel" gefragt wurde, wann es denn ein Gebäude von Gerhard Merz gäbe, sagte er: "Das werden Sie nicht erleben." Er hatte keine Lust, sich auf eine Diskussion einzulassen und genug damit zu tun, den Katechismus der radikalen Moderne dem ironischen Fragensteller zu vermitteln.Sich auf Beckmesser einzulassen, die mit der Lupe nach Rissen im Beton fahnden, die Wände nach Blasen absuchen und die Nahtstellen der Verschalungen auf rechte Winkel kontrollieren, wollte Gerhard Merz kurz vor seinem Auftritt in Venedig vermeiden.Also wischte er das Thema vom Tisch.

Offenbar war sich Merz der ästhetischen Bedeutung des ersten Entwurfs gebauter Architektur nicht sicher.War er als Kunst zu würdigen oder hatte er doch einen Zweckbau errichten lassen? Die Frage ist geklärt.Gerhard Merz stellt Architektur dar.Und er tut dies auf eine Weise, daß die Traditionslinie zurück zu Mies van der Rohe, Schinkel, Palladio und Vitruv erkennbar und als Norm polemisch in die heutige Zeit gestellt wird.Im Gegensatz zu Architekten macht Merz die Auseinandersetzung mit seinen Vorgängern im Werk sichtbar und handelt als Kunstkritiker mit den Mitteln der Kunst.

Etienne-Louis Boullée, der darunter litt, daß er "nur" als Wissenschaftler, nicht als Künstler galt, schrieb: "Ed io anche son pittore" ("Ich bin auch ein Maler").Merz verwandelte den Einspruch 1988 auf einem Bild mit Reißschiene in den Satz: "Ed io anche son architetto".Dieses Werk war für Merz eine Zäsur.Danach wähnte er sich in der Hochmoderne, die die Moderne überschaut.Daraus resultiert ein Spiel für Kenner.Die schwarzen Platten der Freifläche um den Sockel seines Gebäudes entsprechen jenen der Neuen Nationalgalerie von Mies in Berlin.Das Fensterfries am Lagergebäude zitiert de Chiricos "Aufbruch der Argonauten".Die Treppen der Eingangshalle beziehen sich auf jene des Charlottenhofs von Schinkel in Potsdam, die Eingangssituation auf jene des Hauses Tugendhat von Mies in Brünn.Die nackten Leuchtbirnen in Flur und auf der Galerie zitieren jene im Haus Wittgenstein in Wien.Und so weiter.

Dennoch ist es kein postmoderner Bau.Denn die Zitate stehen zueinander in klar geordneten Bezug.Merz versammelt seine erwählte Ahnenreihe zum Gespräch, läßt sie ausgewählte Formen transformieren und setzt sie nach Maßgabe Vitruvs Lehre der Proportionen zusammen.Es ist ein Gespräch zur Frage: In welchem Maße sollen wir bauen? Der kleine Tempel in Bad Hartha ist die Antwort.Man verzichtete auf Dehnungsfugen im Beton.Das Wetter wird wohl die Wände sprengen und legt den Gedanken nahe, ob der Bau als Ruine erdacht war.

Der Maßstab makelloser Oberflächen ist nicht der von Gerhard Merz.Wäre er das, hätte Merz bei Ansicht der Wände den Bau abreißen lassen müssen.Er ließ die Arbeit der Maurer aber gelten: als ruinöse Umsetzung seines vollkommenen Entwurfs.So kommt Gesellschaft und Geschichte in die Realisierung des Plans.Die Idee jedoch bleibt unangetastet und ist als Idealfigur vorstellbar.Doch leider vermittelt die Ausstellung in Bregenz Unschlüssigkeiten.Die grandiosen Fotografien Jörg von Bruchhausens bilden nicht sklavisch die Wirklichkeit ab, sondern zielen darauf, der Idealfiguration zu entsprechen.Wer aber glaubt, so sähe der Bau aus, sieht sich getäuscht, wenn er in Bad Hartha vor der Wirklichkeit steht.

Der Bau ist eine Metapher für die Kunst der Architektur, die sich von Zwecken emanzipiert hat und die als begehbare Skulptur zu sich selber kommt.Es ist eine mäzenatische Leistung ersten Ranges, daß der Auftraggeber zum Verbündeten des Künstlers wurde und ihm auf freiem Feld freie Hand gab.Das muß in einer Zeit als reine Polemik wirken, in der selbst die größten Entwerfer, sobald es um Aufträge geht, ihre Kapazitäten darauf verwenden, mit baulichen Mitteln den jeweils gewünschten Anpassungsgrad nachzuweisen.Dagegen steht der Merz-Bau da als Monument, das in Würde altern kann, ohne zu verrotten.

Kunsthaus Bregenz, bis 24.Januar.

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