Kultur : Die beißen nicht

Die Fantastischen Vier werden auf „Fornika“ langsam nervös

Kai Müller

Wenn vier Typen mit einer Million Worten im Kopf, die sie zwanghaft nach passenden Endungen absuchen, umgruppieren und ständig zu Liedzeilen sortieren, im Studio sitzen, kann das böse schiefgehen. Aber diesmal haben die Fantastischen Vier ihren persönlichen Everest erklommen. „Du und sie und wir“ heißt der Song auf ihrem neuen Album „Fornika“, in dem sie zwei 24-zeilige Strophen mit lauter Doppelreimen hingekriegt haben. Das soll ihnen erst mal einer nachmachen. Ansonsten erzählt der Song davon, wie ein Paar in der Begeisterung für die Fantastischen Vier zusammenfindet und -bleibt, weil die Jungs das auch tun. Ein Rührstück, in dem sich die Musiker über ihre mangelnde eigene Hipness amüsieren.

Kann man mit Ende Dreißig noch lustigen Hip-Hop machen? Diese Frage wird den vier Schwaben anlässlich der Veröffentlichung ihres siebten Studioalbums, das vor Ostern erscheint, oft gestellt. Und sie finden: Jein. Einerseits hat sich Smudos Traum nicht erfüllt, als früh vollendeter Popstar in Nizza zu leben und Salat zu stechen, wie er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bedauert. Andererseits sei man eigentlich nie zu alt für irgendwas. „Die Überalterung der Gesellschaft kommt unserem Beruf zugute.“ So muss man schon ausgiebig schürfen im Wortstrom der Rapper, um auf den Zweifel oder wenigstens Spurenelemente davon zu stoßen, dass das, was mit „Die da“ und „Sie ist weg“ angefangen hat und zur Selbstfindung der Generation Golf beitrug, immer noch gültig ist. Basiert ihre Musik doch auf dem Gefühlshaushalt einer Jungs-Clique, die weder cool noch arm genug und viel zu klug war, um sich im wirklichen Leben zu verstricken. Irgendwann, denkt man, müssten sie doch genug haben von den Clownerien.

Am ehesten verbreitet die Vorabsingle „Ernten, was wir säen“ so etwas wie Nachdenklichkeit. Was wäre geschehen, fragt sich das Quartett, das sich Ende der Achtziger in Stuttgart formierte, wenn einer von ihnen „auf der Strecke“ geblieben wäre? Und selbst, es geschafft zu haben, wendet die Krise nicht endgültig ab: „Platinplatten an der Wand / Und was kommt dann?“ Eine Antwort darauf gibt es nicht. So klammert sich die Band, die längst nach Hamburg, Berlin und in die Eifel ausgeschwärmt ist, an die großväterliche Weisheit, dass man immer genau das vom Leben bekommt, was man an Zuversicht, Hass, Ekel oder Enttäuschung hineinsteckt.

Okay, schön. So hört sich Rap also an, wenn er gereift ist? Grübler sind Smudo, Thomas D., Michi Beck und And.Ypsilon nie gewesen. Eher Jongleure, die dem überspannten Tiefsinn ihrer Landsleute entschlackte Gedankenspiele entgegenstellten. Weshalb ihnen mit Gastsänger Herbert Grönemeyer ein besonders durchtriebener Parodie-Coup gelingt. „Es könnte alles so einfach sein / Isses aaaaber nicht“, singen sie. Und man wird den Eindruck nicht los, dass die Grönemeyers dieser Welt genau dafür verantwortlich sind.

Auch musikalisch hat sich einiges getan. Die Fanta 4 bewegen sich nach wie vor innerhalb des Mainstream-Pop, aber nun deutlich aufgekratzter, härter, mehr am Clubsound orientiert als an der Großarena. Mehr Beastie Boys und Referenzhölle als Kuschelidylle. Wobei die Hysterie durch keinerlei Lebensgefühl gedeckt wäre. Sie klingt halt nur besser und überspielt die Tatsache, dass die bestechenderen Ideen von anderen stammen.

Der Titelsong „Fornika“ persifliert unverhohlen Michael Jacksons „Thriller“ samt mystisch-dröhnender Horror-Lyrik. In „Nikki war nie weg“ tauchen Songzeilen aus Falcos „Amadeus“ sowie von Markus und Eminem auf. Und überhaupt haben an der Musik diesmal Underground-Köpfe wie Thomilla, die Turntablerocker, Illvibe und Max Herre mitgestrickt. Oft hat sich sogar eine komplette Band im Studio eingefunden, was einem Song wie „Yeah Yeah Yeah“ eine nervöse, krachende Spannung verleiht.

Trotzdem ist kein gutes Album daraus geworden. Man will von den Fantastischen Vier mehr als vier mitreißende Songs und ein verschleudertes Talent.

„Fornika“ von den Fantastischen Vier erscheint am 7. April bei Sony BMG

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben