Die Berliner Dichterin Karin Kiwus : Ameisen unter den Nasenflügeln

Literarisches Wahrnehmungstraining: die gesammelten Gedichte von Karin Kiwus.

Nico Bleutge
Kunst der Konstellationen. Die Berliner Dichterin Karin Kiwus.
Kunst der Konstellationen. Die Berliner Dichterin Karin Kiwus.Foto: Isolde Ohlbaum

Die Verwandtschaft von Schreiben und Malen treibt Karin Kiwus seit jeher um. Der Blick in die Landschaft kann hier „scharf wie eine Kaltnadelradierung“ sein – und immer wieder ist von Bildern die Rede, von Skizzen und „Übermalungen“. Doch es ist nur selten ein emphatisches Sprechen, das den Vergleich der beiden Künste sucht. Der Zweifel, ob Wörter und Farben etwas von der Welt treffen oder ob Kunst und Leben nicht zwei grundverschiedene Sphären sind, ist beinahe jedem der Gedichte eingeschrieben. Ein schön gemachter Sammelband zu Karin Kiwus lädt jetzt ein, der Spur ihrer bislang vier Gedichtbücher zu folgen, einer Spur, die nicht nur zurück in die 70er Jahre führt, sondern zeigt, wie sehr Karin Kiwus im Laufe ihres Lebens den Blick geschärft und ihr Schreiben weiterentwickelt hat.

Die Zeit nach 1968 war für die Lyrik in Deutschland keine gute. Als gäbe es nichts als die parolenhafte Kritik an den politischen Verhältnissen oder den Rückzug ins Private – der Dichter Thomas Kling nannte den lockeren Umgang seiner Kollegen mit der Sprache später schlicht „eine Frechheit“. Karin Kiwus’ frühe Gedichte scheinen den Ideen, die sich aus einem „Zurück zum Alltag“ speisen, auf den ersten Blick nicht fernzustehen. „Heute am Frühstückstisch“, „Seit neuerem jetzt“ oder „Na großartig“ – so beginnen einige ihrer Stücke aus den ersten beiden Bänden, die 1976 und 1979 erschienen sind. Aber man lasse sich von der Oberfläche der Texte nicht täuschen. Je genauer das Lesen, desto stärker fangen die Verse an zu flimmern.

Die Gedichte sammeln trennscharfe Einzelheiten, die teils im Wort gedeutet, teils lose kommentiert werden. Es sind Bilder von „sehr kleinen Dingen“ wie dem „Imbissstand“ oder dem „Obstkarren neben der Anschlagsäule“, die zugleich immer schon als „Trickaufnahmen der Realität“ erscheinen. Das Ich, das von diesen Einzelheiten spricht, ist nicht etwa fest umgrenzt, sondern flackert, sobald es sich im Spiegel sieht: „Alle Poren spüre ich öffnen sich / zu Löchern in der Luft / aus den Augen rinnt flüssiges Porzellan / das Fliegennetz über den Haaren reißt / und dünn in Zweierreihen laufen / die Ameisen aus unter den Nasenflügeln“.

Ihre Gedichte sind immer auch Welterkundung

Und während die Zeitmaschine tickt und Warnsignale aufleuchten, befragt das Gedicht die „festgesetzten Vorstellungen“ der Gesellschaft, den vermeintlich sicheren „Boden der Tatsachen“ ebenso wie Redewendungen und die Sprache von Ideologien. Über das Eigene zu schreiben, ist bei Karin Kiwus immer auch Welterkundung. Die Gedichte sind von jeher Kritik an der Zeit, am „Strom des mittleren Fortschritts“ und an der „bürgerlichen Haupt- und Staatsaktion“ aus Familie, Beruf und Statussymbolen.

Ihren eigenen Lebensstrom hat Karin Kiwus stets in zwei Kanäle geleitet. Hier die Brotarbeit, der sie mal als Lektorin, mal als Universitätsdozentin nachging, vor allem aber als Sekretärin der Berliner Akademie der Künste. Dort die Gedichte, immer nah an dem, was Rolf Dieter Brinkmann und Nicolas Born einmal literarisches „Wahrnehmungstraining“ genannt haben.

Bei all dem verliert sich das Schreiben nicht in platten Behauptungen. Vielmehr versucht Karin Kiwus das Öffnen der Sinne und das „Abtragen / des ganzen Plunders“ in Konstellationen einzulagern. Es gibt ein intensives Bild, das etwas von ihren poetologischen Ideen erzählt. In einem frühen Gedicht skizziert sie einen riesigen Autofriedhof, auf dem die Schredder Tag und Nacht in Bewegung sind. Die Maschinen ahmen in ihrem Zugriff auf die Dinge – „erbarmungslos / aber wohlkalkuliert“ – die Natur nach und zerlegen alle Autowracks in kürzester Zeit. Was bleibt, ist ein Gefüge aus Details – und zugleich ein Bild für die Kunst: „ein unberechenbar variables Puzzle // Gewittergraue Blechsplitter / in denen die abwesende Welt / von Zufall zu Zufall / sich schillernd spiegelt“.

Freilich schillern nicht alle Splitter gleichermaßen. Ihre Spiegelungen aus Sprache hat Karin Kiwus nach und nach verfeinert. In den frühen Gedichten, zumal in ihrem zweiten Band, sind einige Verse noch zu sehr bloßen Gegensätzen verhaftet, gefallen sich in Aussagen oder bauen auf Pointen: „Eigentlich / hätten sie / nie Kinder haben wollen / erklären / Eltern / Freunden / in Gegenwart ihrer eigenen“, lautet ein Gedicht unter dem Titel „Lebendiger Beweis“.

Umso genauer entwickelt sie ihre Möglichkeiten in ihrem dritten Band „Das chinesische Examen“, für den sie sich 13 Jahre Zeit gelassen hat. Die Verse nehmen nun Unfälle und Katastrophisches in ihre Schichten auf, sprechen von Krieg, Gefangenen und Flüchtlingen – nicht in Form von abstrakten Begriffen, sondern indem sie das Gedicht wieder an sinnliche Einzelheiten binden, an Gedanken und eine Körperlichkeit, die alle Phänomene „ohne Aufsehen und Sinn“ bündelt.

Die Verse gleichen variablen Puzzles

Als hätten die Vorstellungen vom Schreiben Zeit gebraucht, um sich zu entfalten, gleichen die Verse in diesem Band tatsächlich „variablen Puzzles“. Die Gedichte sind hier offener, länger, vielsträngiger und auch „materialgewaltiger“. Eine Kunst für sich ist das Prosagedicht „Grabfigur eines mit Lorbeer bekränzten Mannes“. In ihrem mehrseitigen Monolog sieht sich die Hauptfigur einer kafkaschen Verwaltungs- und Bestrafungsmaschinerie ausgesetzt. Ohnehin eine Jongleurin der freien langen Zeile, entwirft Kiwus für ihren Sprecher einen Satzrhythmus, der noch den letzten „trocken schleifenden Schrei“ festhält. Am Ende ist nur die Seele des Mannes übrig, „zu einem Pulver zerfallen, zu feinen Kristallen Salz, zu einer nie gehandelten Droge“.

Auch wenn der Ton in ihrem zuletzt erschienenen Band „Nach dem Leben“ (2006) dunkler, ja, bisweilen fast resignativ anmutet, dient ihr das Gedicht immer noch als „Gedächtnisgepäck“. Und immer noch glaubt sie an die Verbindung von Malen, Schreiben und Leben und forscht mit Leonardo der Frage nach, was es mit dem „Rätsel“ des Gedichts auf sich habe. Mögen die „Lichtgefäße“, die ihre Verse sind, weiterhin leuchten – vielleicht schon bald in einem Buch mit neuen Texten. Wenn sie ihrem Rhythmus treu bleibt, müsste es in fünf Jahren so weit sein.

Karin Kiwus: Das Gesicht der Welt.

Gedichte 1976-2006. Mit einem Nachwort von Mirko Bonné. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2014. 349 S., 22,95 €.

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