Die Berliner Kunst-Werke werden 25 : Wo die wilden Künstler wohnten

25. Geburtstag der Kunst-Werke in Berlin: Wie aus den Ruinen einer Margarinefabrik in der Auguststraße ein florierender Weltgaleriebetrieb entstand.

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Ruinöser Schick. So sahen die Kunst-Werke in den Neunzigern aus. Foto: Uwe Walter/Kunst-Werke
Ruinöser Schick. So sahen die Kunst-Werke in den Neunzigern aus.Foto: Uwe Walter/Kunst-Werke

Fast scheint es nicht mehr vorstellbar – so soll es im Hof der Auguststraße 69 ausgesehen haben? Marodes Gemäuer rundum, notdürftig gesicherte Dächer, im Seitengebäude sprießt ein Baum, die Baulücke schließen improvisierte Garagen, und mittendrin, auf geflicktem Asphalt, stapelt sich Schutt. Die Fotos aus den frühen Neunzigern, den Anfängen der Kunst-Werke, wirken wie aus der Zeit gefallen, wie aus einem anderen Land.

In gewisser Hinsicht stimmt das sogar. Vor einem Vierteljahrhundert war die DDR im Verfall der Häuser noch überall präsent. Heute sieht es hier anders aus, wenn auch nicht so geschleckt wie an anderen Ecken der Spandauer Vorstadt. Aber auch die einst ruinöse Auguststraße, Ausgangspunkt des Berliner Kunstwunders, hat sich zur Boutiquen- und Gastromeile gewandelt. Motor des Aufstiegs zur internationalen Künstlerstadt war die ehemalige Margarinefabrik im Hinterhof der Nummer 69. Draußen an der Straßenfront hängen heute rote Banner mit der Aufschrift „KW“ für Kunst-Werke. Das Ausstellungshaus feiert am heutigen Freitag mit Freunden und Förderern sein Silberjubiläum. Am 19. Januar, nach Abschluss der mittlerweile zweiten großen Sanierung, ist das große Publikum zur Wiedereröffnung des Institute for Contemporary Art geladen.

Natürlich reist auch Klaus Biesenbach aus New York an, wo er im Zuge des Aufstiegs der Kunst-Werke zum Kurator des PS1 berufen wurde, einer Dependance des Museum of Modern Art in New York, die er inzwischen leitet. Dort hat er es außerdem zum chief-curator der Medienabteilung gebracht. Seinem Geschick damals als Praktikant beim Kulturamt Mitte und glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass die marode Margarinefabrik wie Phönix aus der Asche stieg. Die wunderbare Verwandlung kam Mitte der Neunziger nach Ankauf durch die Klassenlotterie und einer Sanierung. Eine Ausstellungshalle entstand am hinteren Grundstücksrand, wo sich einst Schuppen und Garagen befanden. Dan Graham stellte einen gläsernen Pavillon in den Hof, das Café Bravo. Kurz vor der Jahrtausendwende eröffneten die Kunst-Werke strahlend, es endeten die legendären Neunziger, die Gründerzeit.

In den Anfängen bestand für die Künstler der besondere Reiz allerdings genau in der Unbestimmbarkeit des Übergangs, dem anarchischen Moment, das nach dem Mauerfall so viele Immobilien Ost-Berlins besaßen. Wem die zu DDR-Zeiten „volkseigenen“ Gebäude tatsächlich gehörten, blieb lange ungeklärt. Also schnappten sich junge Kreative die teils leer stehenden Häuser, gründeten in den Kellern Clubs, eröffneten in ehemaligen Konsums Bars.

Die Margarinefabrik verfügte auf drei Etagen über Platz für Ausstellungen und Ateliers. Vom kurzgeschlossenen Telefon an der Ecke Große Hamburger Straße/Auguststraße rief Biesenbach nachts bei Dan Graham, Lawrence Weiner, Daniel Buren, Katharina Sieverding, Marina Abramovic an, um sie einzuladen. Die Mischung aus Hemdsärmeligkeit und Größenwahn überzeugte, sie kamen alle.

Berlin lockte als Stadt der Möglichkeiten, wo Vergangenheit und Zukunft aufeinanderprallten, wo Ost und West sich zusammenrauften. Bislang hatte die Mauerstadt mit ihren fünf, sechs Galerien, den beiden Kunstvereinen, der Staatlichen Kunsthalle, dem damals schon ambitionierteren Haus am Waldsee eher vor sich hin gedümpelt, wie sich Gabriele Horn erinnert, die in den letzten Jahren die Kunst-Werke leitete und heute Chefin der Berlin-Biennale ist. Der Hamburger Bahnhof eröffnete erst 1996. In diese Szene brachen Biesenbach & Co. mit einem völlig neuen Angebot ein, durchaus argwöhnisch beobachtet von den anderen Protagonisten. In den nach und nach hergerichteten Seitenflügeln und dem barocken Vorderhaus der Auguststraße 69 konnte man wohnen und arbeiten, in den Lofts ausstellen und produzieren. Zeitweise waren Susan Sontag, Mathew Barney und der Modedesigner Hedi Slimane gleichzeitig zu Gast. Auf diese Mischung will auch Krist Gruijthuijsen setzen.

Der im Juli berufene Direktor hat sein Programm explizit auf die Perspektive der Künstler ausgerichtet, die Institution soll wieder Epizentrum werden, sich mit den anderen Ausstellungshäusern der Stadt vernetzen, jetzt, da jeder seine Rolle gefunden hat, die Kunstvereine, der Hamburger Bahnhof, der Gropius-Bau, die Galerien. Als Grußadresse an die anarchischen Anfänge, als alles noch in Bewegung war und auch die Kunst-Werke einen illegalen Ausschank besaßen, wird die Pogo-Bar im Kellergeschoss wieder eröffnet, diesmal mit Lizenz.

Der Durchbruch aber kam für die Kunst-Werke im Sommer 1992 mit der Ausstellung „37 Räume“, die die Auguststraße rauf und runter stattfand – in leeren Wohnungen, Ladenlokalen, Fabrikhallen, Klassenzimmern, Kirchenräumen. Drei Dutzend Kuratoren wurden berufen und durften ihre Künstler und Konzepte präsentieren, jeder bekam 1000 D-Mark in die Hand gedrückt. Stars wie Yoko Ono, Felix González-Torres, Rebecca Horn machten mit.

Der Clou aber war die parallele Eröffnung mit der gleichzeitig stattfindenden Documenta. Von Kassel aus zog der internationale Tross aus Kritikern und Künstlern, Sammlern und Händlern weiter nach Berlin, um die Aufbruchsstimmung selbst zu erleben, die Mischung aus bizarrer Location und junger Kunst. Olafur Eliasson, Jonathan Meese, John Bock, Thomas Demand, Tobias Rehberger begannen hier ihre Karrieren. In den sieben Tagen kamen 35 000 Besucher, ein Riesenerfolg und die Geburtsstunde für das hippe Berlin, den ruinösen Schick.

An diese Mischung sucht seitdem die ebenfalls von den Kunst-Werken gegründete Berlin-Biennale anzuknüpfen, deren Rezept eigentlich immer darin bestand, sich neue Locations zu eröffnen, Kunst zu zeigen und die Stadt zugleich als Ort der Entdeckungen, der verborgenen Schönheiten zu feiern. Spezialität waren stets die ortsspezifischen Arbeiten, die das bisweilen bizarre Setting, die besondere Stimmung in alten Kaufhäusern und auf Friedhöfen, ehemaligen Pferdeställen oder heruntergekommenen Ballsälen einzubeziehen suchten.

Nur in diesem Jahr, mit der jüngsten Ausgabe, regierte plötzlich die Coolness der post-internet-art, Avatare, Business-Konzepte, sportive Angebote und Gesundheitsdrinks hatten ihren Auftritt. Ist das Berlin, wofür die Kunst-Werke lange Zeit stellvertretend standen, damit endgültig vorbei? Wie viel Attraktivität besitzt die Stadt noch für Künstler, wenn sich die Brachen, das symbolisch offene Land, zunehmend durch Neubauprojekte schließen, die Ateliers teurer werden?

Fragt man Krist Gruijthuijsen, den neuen niederländischen Direktor der Kunst-Werke, der zuvor den Grazer Kunstverein leitete, oder Klaus Biesenbach, der heute als Gastkurator und Berater um die halbe Welt jettet, so sind beide davon überzeugt, dass sich dies nicht geändert hat. Anders als London oder New York ist für sie Berlin die Stadt der Möglichkeiten geblieben, der Platz, wo Künstler erschwinglich leben, arbeiten und sich treffen können. Mag sein, dass die Kämpen der Neunziger das nicht mehr wahrnehmen, vielleicht weil sie müde geworden sind. Ein Vierteljahrhundert ist schließlich eine ganz schön lange Zeit.

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