Kultur : Die Bewerbung (Kommentar)

Harald Martenstein

Es gibt ein paar Sätze, die immer wieder gesagt oder geschrieben werden, obwohl jedes Kind weiß, dass sie falsch sind. Zum Beispiel: "Gewalt ist keine Lösung". Im Gegenteil, Gewalt ist sehr häufig eine Lösung - eine moralisch fragwürdige zwar, aber das steht auf einem anderen Blatt. Gewalt hilft prima gegen alle Saddam Husseins und Adolf Hitlers, Gewalt ist nützlich beim U-Bahn-Fahren während der Rush-hour, sogar gegen die alte Menschheitsgeißel Eifersucht hat Gewalt häufig gute Dienste getan. Wer seinen Rivalen erschießt, gewinnt nicht unbedingt Sympathiepunkte, aber er kann immerhin sicher sein, das dieser Kerl das Mädchen nicht kriegt. Das ist doch schon mal was. Gewalt ist wie Alkohol. Es kommt sehr auf die Menge an und auf die Situation.

Ein ehemaliger Schauspielschüler hat jetzt den Intendanten des Deutschen Theaters, Thomas Langhoff, mit einem Gewehr bedroht. Der Mann wollte Langhoff dazu bringen, ihm einen Vertrag zu geben. Diese Situation - der Schauspieler, der mit aller Gewalt spielen will - öffnet bei theaterkundigen Kollegen ein Schatzkästlein, aus dem die gelehrten Assoziationen nur so herauspurzeln. Pirandello! Wedekind! Es gibt auch ein Stück von Ilja Richter, in welchem das Alter ego des Autors den Regisseur Peymann mit einem Gewehr dazu zwingen möchte, ihn zu besetzen, vergeblich.

Gewalt ist überall eine Lösung, nur nicht am Theater. Am DT zum Beispiel wird Thomas Langhoff demnächst von Bernd Wilms abgelöst. Und in den Theatern ist es Brauch, dass neue Intendanten als erste Amtshandlung das Personal ihrer Vorgänger hinauswerfen, zum größten Teil jedenfalls. Ein von Langhoff unterzeichneter Vertrag wäre sowieso nichts wert. Der Schüler hätte als erstes Bernd Wilms erschießen müssen, sowie, um sicher zu gehen, sämtliche anderen Aspiranten auf die Langhoff-Nachfolge. Von der ersten Garde der deutschen Regie wäre danach nichts mehr übrig gewesen, und dann? Dann hätte Langhoff ihm ins Gesicht gelacht. "Erschießen Sie mich ruhig!", hätte Langhoff gesagt, "nur zu! Ich bin der letzte lebende deutsche Theaterregisseur, wenn ich erst mal weg bin, dürfen Sie selber Regie führen, Sie Knilch!" Weil aber am deutschen Theater nicht einmal ein Verrückter mit einem geladenen Gewehr etwas gegen das Establishment durchsetzen kann, nennen die Experten das Theater auch gerne "moralische Anstalt".

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