Kultur : Die Blüte Frauenleib

RONALD BERG

Wer die Fotografische Sammlung der Berlinischen Galerie kennt, wird feststellen: Viel Neues gibt es nicht zu sehen.Im Grunde ist das Neue der Ausstellung im Kunstforum der Grundkreditbank auch nicht die Sammlung, sondern ihr Hauptakteur, der Regisseur in Person von Janos Frecot.Mit den "Lichtseiten" hat Frecot, Leiter der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, arrangiert, interpretiert und inszeniert und damit zugleich das Credo seiner zwanzigjährigen Arbeit als Kurator formuliert.Eine Sammlung ist mehr als ihre Teile, sie muß Profil haben und als Ganzes klingen.Als ein "fast selbstherrliches Arbeiten mit Kunst, allenfalls zu verantworten auf der Grundlage intimer Erfahrung", charakterisiert Frecot selbst die Ausstellung im Katalog.

Die Präsentation wirkte denn auch fast wie eine Abschiedsvorstellung für Frecot, der sich baldmöglichst in den Ruhestand verabschieden möchte.Die bitteren Untertöne sind nicht zu überhören: Mit der Fotografischen Sammlung habe Berlin eine Sammlung von internationalem Rang.Aber in der Stadt werde sie nur herumgeschubst.Der Verbleib der Berlinischen Galerie im derzeitigen Provisorium der ehemaligen Schultheiss-Brauerei ist nach wie vor offen.

Über etwa 100 000 Fotografien verfügt die Sammlung heute.Einen Ankaufsetat gab es nur in den ersten Jahren.Der Rest mußte durch Sondermittel erworben werden.Mit anderen Worten: Zur Arbeit mit der Sammlung kommen die Kuratoren schon deshalb wenig, weil sie ständig neue Geldquellen auftun müssen.Was dennoch in den zwanzig Jahren zusammen kam, kann sich sehen lassen.Es gibt die großen Namen - Rodtschenko, Hanna Höch, Moholy-Nagy, Lotte Jacobi, Robert Capa - vor allem aber die fotografischen Nachlässe etwa von Heinrich Zille oder Erich Salomon oder die von Frecot erst wiederentdeckte Marta Astfalck-Vietz, machen heute den Rang der Berlinischen Galerie aus.

Die Auswahl der Ausstellung erklärt sich aus der Beschränkung auf "tote Fotografen", mit denen Frecot inzwischen ausschließlich in der Sammlung befaßt ist.Die frühesten Aufnahmen aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen von Leopold Ahrendts und zeigen Ansichten vom Berliner Stadtschloß und Umgebung, als Berlin noch ein "Stilles Land" war.Bis auf einige Ausnahmen schließt die Schau mit den fünfziger Jahren ab.

Doch eine chronologische Gliederung des Materials gibt es nicht.Vielmehr hat es sich Frecot zur Aufgabe gemacht, nach dem visuellen Konzept hinter den Bildern zu fragen und die Aufnahmen mehr thematisch zu gruppieren.So entstehen überraschende Korrespondenzen: Hugo Erfurts Porträt des melancholisch-stierköpfigen Heinrich George hängt neben einem surreal verhüllten Kopf, den Erwin Blumenfeld fotografierte.Aus solchen untergründigen Bezügen erhält die Ausstellung ihre Poesie.

Die konventionelle Ordnung nach Stilen und Epochen ist also zugunsten einer eigenständigen Komposition mit dem "Rohmaterial" der Bilder aufgehoben.So kombiniert die Bildgruppe "Verhüllung - Enthüllung" Pflanze und Mensch; der Mensch erscheint tatsächlich entblättert als Akt.Die Gegenüberstellung einer aufkeimenden Rhabarberblüte mit einem in Spitze gehüllten, in die Vertikale strebenden Frauenleib steigert nicht nur die Delikatesse beider Aufnahmen sondern erzeugt einen vegetabilischen Gleichklang, der einem sonst wohl schwerlich aufgegangen wäre.Eine Schau also nach dem Autoren-Prinzip des Ausstellungsmachens: subjektiv und angreifbar, aber deshalb umso spannender.

Kunstforum in der Grundkreditbank, Budapester Straße 35; bis 27.Dezember; täglich 10-18 Uhr.Katalog 39 Mark.

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