Kultur : Die Blüte und das Biest

„Momix Botanica“ im Admiralspalast.

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Zuckrig. Die floralen Fantasien des Moses Pendleton. Foto: Promo/Max Pucciariello
Zuckrig. Die floralen Fantasien des Moses Pendleton. Foto: Promo/Max Pucciariello

Mitten im Winter bricht der Frühling aus. Zumindest im Admiralspalast, wo die Tanzshow „Momix Botanica“ Premiere feierte. Der Tanz-Exzentriker Moses Pendleton entführt in seiner Flora-und-Fauna-Revue in einen surrealen Garten: Da wiegen sich Sonnenblumen vor blauem Himmel. Da beginnt der Laubwald zu tanzen. Und da treffen sich schon mal die Blüte und das Biest.

Wer im Biologieunterricht gut aufgepasst hat bei der Bestäubung der Pflanzen, bekommt hier Anschauungsmaterial geliefert – ganz ohne Bienen. In einem wirbelnden Pollenballett drehen sich drei Frauen in weißen Flatterkleidern um einen Blütenkelch. Damit ist der Same gelegt für die bewegten Blumenbilder, die Moses Pendleton arrangiert hat.

Pendleton ist einer der originellsten Choreografen der USA. Anfang der Siebziger hat er sich als Mitbegründer des Pilobolus Dance Theatre einen Namen gemacht. 1980 choreografierte er die Abschlusszeremonie der Olympischen Winterspiele in Lake Placid, USA. 1981 gründete er seine eigene Company Momix, die visuelles Theater und Tanz verbindet. Momix steht seitdem für einen Tanz-Illusionismus, der sich durch visuelle Spezialeffekte und raffinierte Kostüme auszeichnet. In Berlin entwarf er die Choreografie zu dem Antonin-Artaud-Ballett „Tutuguri. Der Ritus der schwarzen Sonne“ von Wolfgang Rihm, das 1982 an der Deutschen Oper uraufgeführt wurde. Für die Berliner Ballettliebhaber waren die stampfenden Tanz-Rituale aus „Tutuguri“ ein Schock.

Der ist bei „Botanica“ nicht zu erwarten. Der 64-jähriger Amerikaner, ein Gärtner aus Leidenschaft, hat ein farbenfrohes Tanzspektakel kreiert, bei dem sich alle wohlfühlen sollen. Seine Inspiration – so erzählt er – sind Bäume und Pflanzen, vor allem die Sonnenblumen, die er auf seiner Plantage in Connecticut züchtet. Die Choreografie folgt dem Wechsel der Jahreszeiten. Es beginnt im tiefsten Winter, dann sieht man die ersten Knospen des Frühlings, die wilden Tänze einer Mittsommernacht, bis sich die Blätter gelb färben und der Zyklus sich wiederholt.

Die Blumentänze enthalten einige sehr anmutige Nummern: Wunderbar, wie sich fünf Tänzerinnen in Mohnblumen verwandeln. Mal schauen ihre Gesichter aus den Rüschenröcken (die Kostüme hat Michael Curry entworfen, der das Musical „König der Löwen“ ausstattete), mal erinnern sie an einen aufgeplusterten exotischen Vogel. Höhepunkt ist der Tanz der Sonnenblumen, die gelben Tutus kreisen hier wie strahlende Sonnen. Doch Pendletons Fantasien verirren sich schon mal ins Abstruse: Da reitet eine Schöne auf einem Saurierskelett auf die Bühne, erst neckt sie den Dino, am Ende wird sie von ihm plattgemacht. Ein Jungfrauenopfer muss anscheinend dargebracht werden bei diesen Fruchtbarkeitsritualen.

Die Show ist von der Formenvielfalt der Natur inspiriert. Aber auch wenn die Farben explodieren und seltsame Metamorphosen zu bestaunen sind: Die Magie der Bilder funktioniert nur zum Teil. Pendleton hält aus seinen floralen Passionen alle menschengemachten Konflikte heraus, stattdessen zeigt er eine vermenschlichte Natur. Das schrammt oft haarscharf am Kitsch vorbei. Und bei der säuselnden Entspannungsmusik fühlt man sich, als wäre man in eine Wellness-Oase verpflanzt worden. Nur manchmal blitzt das Können der Tänzer auf, denn die Tanznummern haben meist einen ornamentalen Charakter.

Als sich der 64-jährige Pendleton beim Schlussapplaus zeigte, wirkte er wie ein leicht zersauster Späthippie. Der Choreograf hat eine blühende Fantasie. Doch zum rauschhaften Trip wird das Flowerpower-Ballett dann doch eher nicht. Sandra Luzina

Admiralspalast, 6.-8. und 12.-15.12., 19.30 Uhr, Sa auch 15 Uhr, So auch 14 Uhr

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