Kultur : Die Bratsche macht den Dirigenten

Carlo Maria Giulini zum 90. Geburtstag

Sybill Mahlke

Carlo Maria Giulini ist ein Dirigent, der vom Instrument herkommt, der unter der Leitung von Klemperer, Furtwängler und Strawinsky Bratsche gespielt hat, bevor er sich für das Dirigieren entschied. Er nannte es den schönsten Moment in seinem musikalischen Leben, als er das Probespiel für die 12. Bratsche im Orchester des Augusteo in Rom gewonnen hatte. Eigentlich sei er nie aus dem Orchester ausgetreten und „kein Dirigent, sondern ein Musiker, der mit anderen Musikern Musik macht“. Eine unprofessionelle Sprödigkeit, die noch der große Maestro in Konzerte einbrachte, konnte eine Wunderwirkung entfalten, den Ausdruck der Interpretation stärken. Dann war eine Sternstunde der Musik erreicht. Erfolg und Verehrung haben Giulinis Weg begleitet, weil seine Autorität den dienenden Charakter bewahrte: kein Jagen nach Effekt, nur Respekt vor der Partitur. Ein Interpret aus reinem Gewissen.

„San Carlo of the Symphony“ wird er genannt. Geboren in der italienischen Provinz Bari, wächst er in Bozen mit Beethoven-Erlebnissen auf. Hier entsteht die emotionale Beziehung zur deutsch-österreichischen Sinfonik. Seine Laufbahn als Dirigent beginnt 1944 in Rom. Er dirigiert bei Radio Mailand und an der Scala. In den Siebzigerjahren leitet er die Wiener Symphoniker, seinen Vertrag als Chef der Philharmoniker von Los Angeles löst er 1984 auf. Obwohl er sich mit Verdi – als Bewunderer von Maria Callas – einen Namen gemacht hat, rückt er vom Musiktheater immer mehr ab. Dafür steigert sich seine Affinität zu geistlicher Musik, zu Beethoven, Bach, Brahms und Bruckner mit angemessenen Schallplatten und wachsender Tendenz zu Ruhe und Langsamkeit. Ein Traditionalist, der aus dem 19. Jahrhundert kommt, ohne jeglichen Geniekult um seine Person zu nähren. Gast in aller Welt, startet er über 50-jährig bei den Berliner Philharmonikern. Als Herbert von Karajan den 71-Jährigen zu seinem „idealen Nachfolger“ im Amt des Chefdirigenten nominiert, staunt dieser „überwältigt und geehrt“ – um abzulehnen.

Eine Sternstunde in Berlin und die engste Berührung mit den Philharmonikern ereignet sich 1988: Karajan sagt das Eröffnungskonzert ab, mit dem Berlin als Kulturstadt Europas prunken wollte. Das Orchester steht an einer Wende seiner Existenz. Glück in der Not, dass der Einspringende die Situation mit der c-Moll-Sinfonie von Brahms mirakulös bewältigt. Heute vollendet Giulini, seit 1998 gänzlich zurückgezogen von der Öffentlichkeit, das 90. Lebensjahr.

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