Kultur : Die brave Wilde

Bei der Berlinale-Eröffnung gab sich CHARLOTTE ROCHE ungewöhnlich nett. Legt sie heute nach?

Sebastian Leber

„You were so cool“, hat Schauspieler Willem Dafoe nach der Show zu ihr gesagt. „Du warst so cool“. Kein übles Kompliment, noch dazu von einem Hollywoodstar. Aber Dafoe war nicht der Einzige, der vergangenen Donnerstag Lob loswerden wollte.

Charlotte Roche hat ihre Sache als Moderatorin der Berlinale-Eröffnung gut gemacht. Deshalb freuen sich die Festivalveranstalter, dass die 28-Jährige am heutigen Sonnabend auch die Verleihung der Bären moderiert. Erstaunlich brav war sie bei der Eröffnung. Vielleicht ein bisschen zu brav für ihre Fans, die sie aus ihrer Zeit als Viva-Moderatorin kennen. Wie sie etwa neben dem Regierenden Bürgermeister auf der Bühne stand und sich anhörte, wie schön das Bode-Museum sei und natürlich auch alle anderen Museen der Stadt und überhaupt, da wäre ihr an einem anderen Abend zu einem anderen Anlass bestimmt ein bissiger Kommentar eingefallen.

Acht Jahre hat Charlotte Roche im Fernsehen ihre Sendung „Fast Forward“ moderiert und hauptsächlich Musiker interviewt, erst auf Viva Zwei, nach dessen Ende auf Viva. Zugeguckt haben da nur wenige, aber für die, die es taten, war Fast Forward identitätsstiftend wie für andere der Fußball oder die Parteizugehörigkeit. Weil Charlotte Roche immer klar zu verstehen gab, wer und was zu den „Guten“ gehörte und wer zu den „Bösen“: Das galt für Künstler und Lieder ebenso wie für Lebenseinstellungen und sonstige Stilfragen.

Einem größeren Publikum fiel Roche aber erst am 8. Februar vergangenen Jahres auf, da war Fast Forward längst Geschichte. Sie war spätabends bei Harald Schmidt zu Gast. Und im Laufe eines lockeren Smalltalks holte Roche ihre Plastikzahnprothese aus dem Mund, warf sie in die Luft und fing sie mit ihren richtigen Zähnen wieder auf. „Man muss mit seinen Behinderungen umgehen können“, sagte sie und grinste. Darauf bekam sie so viele Zuschauerreaktionen wie in acht Jahren Viva nicht.

Harald Schmidt hält viel von Roche, deshalb darf sie bei seiner Neuauflage von „Pssst“ mitraten. Überhaupt braucht sie auch nach ihrem Musikkanal-Karriereende keine Zukunftsangst zu haben: Für ihre Hauptrolle im Spielfilm „Eden“, der voriges Jahr in den Kinos lief, bekam sie überwiegend gute Kritiken. Auch wenn den meisten Zuschauern außer Roches Nacktszene mit den Lebensmitteln auf ihrem Körper nicht viel vom Film in Erinnerung bleiben wird. Das Rumhüpfen am Set sei ihr bisher schönstes Arbeitserlebnis gewesen, hat Roche nach Drehende gesagt. Das will sie gerne wiederholen. Und da die gebürtige Londonerin nun bewiesen hat, dass sie auch große, ja sogar seriöse Veranstaltungen präsentieren kann und dabei zwar spontan bleibt, aber auf sonst geschätzte Ausdrücke wie „Hackfresse“ oder „alte Säcke“ verzichtet, wird sie zwischen den Anfragen für Moderationen in Zukunft wohl frei wählen können.

Sie hat ja auch gewisse Prinzipien. Charlotte Roche würde lieber sterben als eine Sendung zu moderieren, in der Jeannette Biedermann auftritt, hat sie mal gesagt. Und sie möchte weiterhin die Freiheit haben, auch manchmal etwas undiplomatisches zu sagen. Robbie Williams fragte sie in einem Fernsehinterview, ob er sein eigenes Sperma trinke. Effekthascherei, könnte man meinen, aber zumindest hatte die Frage einen Sinn. Kurz vorher hatte Williams nämlich behauptet, grundsätzlich nur seine eigene Musik zu hören. Gar nicht so dumm von Roche.

3sat überträgt die Verleihung der Bären heute Abend ab 19 Uhr live aus dem Berlinale-Palast.

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