Kultur : Die Bühne braucht den Klinsmann-Effekt

Bislang sind alle Versuche gescheitert, doch diesmal könnte es klappen: das Erste Autorentheater Berlin entsteht

Christine Wahl

Das Hanteltraining ist Leonidas letzte Chance. Einst Werbeikone und Aushängeschild der Firma, ist das Broschüren- Girlie in der innerbetrieblichen Hack- und Entlohnungsordnung grandios abgeschmiert. Irgendwie muss die große Sinnfrage oder ein anderweitiger Mangel an Selbstdisziplin übers adrette Fräulein hereingebrochen sein. Jedenfalls trägt Leonida jetzt an einem satten westeuropäischen Überflusskummerspeckbauch: Die Schauspielerin Klara Höfels steht in Volker Lüdeckes Monodrama „Leonida“ mit einem voluminösen Polsteranzug auf der Bühne und turnt mit trendverdächtigen Hüpfübungen gegen die Fettleibigkeit als Körperzustand und Metapher an. Eine zahlungskräftige chinesische Delegation, die Leonida schon lange aus der Ferne vergöttert, hat sich zum Dinner angemeldet. Also probt die abgerutschte Miss Europa an der Hantel eine aufmüpfige Rede zur Lage der Nation, in der der Mythos von Zeus und Europa mit der europäischen Gegenwart kollidiert, globale Bedenklichkeiten sich im Einzelschicksal spiegeln und dürre Polit-Fakten von Höfels Spiel versinnlicht werden.

Tatsächlich entstand diese Stückversion, die jetzt im Ersten Autorentheater Berlin im Literaturhaus Premiere hatte, in direkter Zusammenarbeit des Autors mit der Schauspielerin sowie dem Regisseur Hermann Treusch. Genau wie die neuen Theatertexte, die die Initiatorin und künstlerische Leiterin Klara Höfels hier seit einem Jahr an jedem ersten Sonntag im Monat von wechselnden Regisseuren, Schauspielern und Autoren in szenischen Lesungen vorstellen lässt. Inhalt und Präsentationsform sind nicht neu: Institutionen wie die Berliner Schaubühne, das Hamburger Thalia Theater oder der Stückemarkt des Theatertreffens haben sich als dramatische Trend- und Talentscouts längst etabliert. Nur werden die Autoren bei Höfels direkt in den theatralen Produktions-, sprich: den Probenprozess einbezogen: ein Konzept, das man von amerikanischen oder europäischen Erfolgsbühnen wie dem Londoner Royal Court Theatre kennt und das im Idealfall allen Beteiligten Inspirationsschübe oder gar neue Arbeitserkenntnisse beschert.

Dazu, dass die Qualität der präsentierten Texte immens schwankt, steht Höfels: Geschäftsrisiko, wenn man jenseits des Mainstreams bzw. bereits durchgesetzter Autoren sucht. „Wenn die Gruppe die Möglichkeit hätte, über einen Probenzeitraum von vier, sechs Wochen gemeinsam mit dem Autor am Text zu arbeiten, könnten aus vielen Stücken, die noch Schwachstellen haben, richtig starke Dramen entstehen“, ist die Theaterleiterin überzeugt. Höfels verficht, mit anderen Worten, eine Art Klinsmannisierung des deutschen Theaters: Mit Teamgeist, Selbstvertrauen und kollektiver Inspiration soll aus heftig differierenden Einzelleistungen das optimale Ganze entstehen. Wie weit man es im Idealfall damit bringen kann, ist bekannt.

Alles andere als ideal sind allerdings die Rahmenbedingungen. Zwar unterstützen renommierte Schauspieler und Regisseure wie Wiebke Frost, Miriam Goldschmidt oder eben Hermann Treusch die Initiative. Aber von vier- bis sechswöchigem Probenluxus kann natürlich keine Rede sein: Mehr als drei Leseproben sind nicht drin; das Autorentheater bekommt keinerlei finanzielle Zuwendungen. Gearbeitet wird komplett unentgeltlich, den Saal stellt das Literaturhaus mietfrei zur Verfügung, und alle weiteren Ausgaben bestreitet Höfels aus ihrer Privatkasse – logischerweise kein dauerhaftes Finanzierungsmodell.

„Ich zahle ja immer noch an der Miete fürs Schlossparktheater ab“, sagt die Prinzipalin mit kalifornischem Optimismus. Die Rede ist von einer aussichtsreichen Sommerepisode aus dem Jahr 1994, als sich Höfels gemeinsam mit dem Regisseur Christian Achmed Gad Elkarim um die Leitung des Berliner Schlossparktheaters bewarb. Höfels und Gad Elkarim unterlagen damals knapp Heribert Sasse, hatten das Haus aber trotzdem für ein paar Vorstellungen gemietet, um sich – vom Stuttgarter Theater kommend – in der Hauptstadt mit ihrem Autoren-Konzept vorzustellen. So ist das Erste Autorentheater Berlin bereits Höfels’ vierter Anlauf: Dreimal stand die an der Essener Folkwang-Hochschule ausgebildete Schauspielerin, die später noch ein Kulturmanagement-Studium absolvierte, kurz vorm Ziel. Am dichtesten dran war sie 1998, als sie mit dem Dramatiker Oliver Bukowski ihr Autorentheater in der Tribüne etablieren wollte. Nur entzweite sich das Team in letzter Sekunde über künstlerischen Fragen: Die von Höfels engagierten Mitstreiter lancierten plötzlich andere Ideen als die Initiatorin selbst, so dass die sich gezwungen sah, alle Anträge zurückzuziehen. Nach Höfels’ Ausstieg überlebte das Projekt keine vier Monate.

Und jetzt also das Erste Autorentheater Berlin Version 06 – eine große Energieleistung, wenn man bedenkt, dass Höfels auf ihrem Lebensweg sicher gemütlicher hätte voranschreiten können – als prominent besetzte Schauspielerin an Bühnen in Frankfurt, München oder dem Staatstheater Stuttgart. Über letzteres, wo Höfels mit Kollegen wie Gert Voss, Hans-Michael Rehberg oder Anne und David Bennent auf der Bühne stand, sagt sie heute: „Das hatte überhaupt nichts mehr mit meinem Verständnis von Theater zu tun, weil es nur noch Star-Theater war. Man kam von überall angeflogen und traf sich dann auf der Bühne. Ich habe eine Menge Geld verdient – und war so unzufrieden! Ich wurde richtig krank.“

1990 zog sich Höfels zurück – und hat nun große Pläne. Die szenischen Lesungen sollen nur ein erster Schritt sein. Stattdessen will Höfels richtige Inszenierungen erarbeiten. Einen Partner hat sie schon: Das Scena Theatre Washington möchte die Otho Eskins Stück „Duett“, das das Autorentheater in szenischer Lesung präsentiert, koproduzieren. Voraussetzung allerdings ist, dass sie für die Geschichte über die Begegnung von Sarah Bernhardt und Eleonore Duse, die in den USA gerade verfilmt wird, vorher ein deutsches Theater als weiteren Koproduktionspartner finden.

Nächste Veranstaltung am 3.9., 18 Uhr, im Literaturhaus: „Duett“ von Otho Eskin

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