Kultur : Die Chefin geht

Sie war leise, aber effektiv: Vier Jahre leitete Valery Smith die Kunstabteilung im Haus der Kulturen. Zum Abschied zeigt sie Experimentelles.

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Surrealistische Tradition. Die Videoinstallation „Eine Wand im Weg“ von Verena Grimm wird in „Labor 12“, der Abschiedsausstellung von Valery Smith, gezeigt. Foto: Verena Grimm/HKW
Surrealistische Tradition. Die Videoinstallation „Eine Wand im Weg“ von Verena Grimm wird in „Labor 12“, der Abschiedsausstellung...

Die eigene Wohnungstür in Kreuzberg schließt Verena Grimm sorgfältig auf. Andere Mauern durchschreitet sie einfach so. Wer das Video der Künstlerin gesehen und sie auf ihrer Tour durch Berlin begleitet hat, der fragt sich, weshalb sie am Ende überhaupt einen Schlüssel braucht. Die steinernen Wände der Stadt durchquert sie, als seien die Ziegel pures Papier. Ein Tritt, und die alten Mauern haben Öffnungen, die man dort nie vermutet hätte. Durchlässigkeit ist ein Thema der Arbeit. Und natürlich spielt Grimm, 1971 in Mexiko geboren, damit auf die Geschichte Berlins an, jener Stadt, in der sie seit geraumer Zeit lebt. Doch dazu gesellen sich in dem schwarz-weißen Lowtec-Video so viele Verweise auf surrealistische Traditionen oder auf die Geschichte der Videokunst, dass man nur zu gut versteht, weshalb Valerie Smith es in ihre Abschiedsschau genommen hat.

Seit 2008 war die Kuratorin aus New York Leiterin für Bildende Kunst, Film und Medien im Haus der Kulturen der Welt. Die Reihe „Labor Berlin“ gehört zu ihren Erfindungen, und wenn man sich den zwölften und letzten Teil der Serie anschaut, wünscht man sich eine Fortsetzung. Valerie Smith hat eine Plattform für in Berlin lebende Künstler geschaffen, die „die Stadt als temporäre, kreative und experimentelle Basis“ begreifen. Dass sie hier von keiner kommerziellen Galerie vertreten werden, liegt gewiss nicht an der Qualität. Auch dies war ein Aspekt jener Ausstellungsreihe – sie sollte künstlerische Positionen sichtbar machen, die im produktiven Überfluss Berlins ein Fenster gebrauchen können. Auch wenn der Projektraum im Souterrain des Hauses alles andere als großzügig ist. Auf engem Raum versammeln sie diesmal 39 Künstler aus 27 Ländern, die von zehn Kuratoren ausgewählt wurden. Und obwohl sich Videos, Fotografie, Installationen und Malerei dicht an dicht drängen, sind die disparaten Arbeiten zum Thema „Drifting“ doch sensibel arrangiert. Auch das muss man erst einmal hinbekommen.

Unter den Künstlern findet man alte Bekannte wie den US-Amerikaner Warren Neidich, der sich seit Jahren mit neurolinguistischen Phänomenen beschäftigt und in seinem Video einen Obdachlosen im Selbstgespräch zeigt – gefangen im eigenen kommunikativen System. Oder die 1978 in Moskau geborene Anastasia Khoroshilova, 2010 von der Berliner Akademie der Künste mit dem Ellen-Auerbach-Stipendium ausgezeichnet. Sie thematisiert in der Fotoserie „Die Übrigen“ die Geschichte baltischer Veteranen, die im Zweiten Weltkrieg freiwillig oder erzwungen auf deutscher Seite kämpften. Zu sehen sind leere Stühle und Jacken voller Orden. Sie wirken heute nicht einmal mehr dekorativ, sondern wie allerfernste Vergangenheit.

Auf dem Boden liegt die Arbeit „No one harms me unpunished“ (2012) von Nadia Kaabi-Linke. Sie hat die Sprungfedern einer alten Matratze mit verdorrten Distelblättern bestückt und lässt aus Abfall eine wehrhafte, dabei poetische Skulptur entstehen, die die Intimität des Schlafzimmers mit der Verletzlichkeit des Schlafenden und ornamentalen Strukturen verbindet. Kaabi-Linke ist aktuell auf der ersten Kochi-Muziris-Biennale in Indien vertreten, die Wochen davor hat sie in Liverpool ausgestellt. In Berlin würde man die Kunst der gebürtigen Tunesierin, Jahrgang 1978, gern häufiger sehen. Genau wie das analytische Werk von Rajkamal Kahlon, 1974 in Kalifornien geboren, der mit dem Bildarchiv des Kolonialismus arbeitet. Seine Installation „It’s Turning Eickstadt’s Wonder“ widmet sich den Folgen ethnisch begründeter Überheblichkeit.

„Labor Berlin 12“ zeigt, dass sich aus disparaten Beiträgen sehr wohl eine spannende Ausstellung arrangieren lässt. Den Untertitel „Drifting“ hätte es fast nicht gebraucht – zumal sich unter dem Begriff so ziemlich alles subsumieren lässt, was künstlerische Produktivität kennzeichnet. Um so mehr freut man sich über den Katalog, der zum Projekt erschienen ist. Er dokumentiert, wie ernst es Valerie Smith mit der Förderung ihrer Protagonisten ist.

Im Vorwort hofft sie auf ein Fortbestehen dieser Plattform für Newcomer und Wiederentdeckte. Ein Projekt dieser Art würde auch Smith stehen, die 2008 aus New York kam, wo sie als Chefkuratorin am Queens Museum of Art tätig war, einem Pendant zum Haus der Kulturen der Welt. Was sie für ihre Zukunft plant, hat sie noch nicht verraten. Bloß, dass es bei Berlin bleibt. In einem der ersten Interviews nach ihrer Ankunft hatte sie noch gelacht, als es darum ging, ob Berlin als Hotspot für Künstler mit New York konkurrieren könne. Fünf Jahre später dürften sich solche Fragen erledigt haben, das Potenzial der Stadt ist gewaltig und Smith mittendrin. Auch wenn es gedauert hat, bis die zurückhaltende Kuratorin sichtbar wurde. Hellsichtige Ausstellungen wie „Between Walls and Windows“ über die ideologischen Implikationen des Gebäudes im Tiergarten und nicht zuletzt „Drifting“ machen nun neugierig auf ihre künftige Arbeit jenseits der Institution. Wenn Smith bald ihr HKW-Büro zuschließt, wünscht man sich allerdings noch etwas: dass sie lauter Werbung in eigener Sache macht.

„Drifting“, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 20.1., Mo-Mo 11-19 Uhr. Eintritt frei.

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