Kultur : Die Christus-Rolle

In Cannes fällt das Opus magnum erst mal durch

Jan Schulz-Ojala

Schon die ausgebuchte Pressevorführung am Dienstagabend im Festivalpalast war, gelinde gesagt, einigermaßen absonderlich verlaufen. Reihenweise stürzten Journalisten – lag’s an den Strapazen der Anreise, lag’s an der Überlänge des Films? – in den Kinoschlaf. Gelächter dann, als Tom Hanks mit dem Hinweis, Sophie Neveu alias Audrey Tautou dürfe sich als die letzte Nachfahrin Jesu betrachten, eigentlich äußerste Konzentration für seine Dialogschlüsselzeile einfordert. Schließlich matte Pfiffe. Und keine Hand, die sich zum Applaus rührt.

Durchgefallen auf der ganze Linie ist in Cannes, zumindest bei der ersten Zweitausendschaft der Globalfilmkritiker, Ron Howards bis zum letzten Moment geheim gehaltenes Opus magnum um Opus Dei, Hokuspokus und den Familien-Stammbaum des fruchtbaren Religionsstifters. Verglichen damit verlief die Pressekonferenz zu „The Da Vinci Code“ am Mittwochmittag vor über 400 wissbegierigen Journalisten überaus unterhaltsam. Zwar tröpfelte auch hier der Beifall zunächst zögernd, als das Team den Saal betrat. Dann aber regnete es Fragen der verblüffenderen Art, die meisten an Tom Hanks.

Was für eine Lektion könnte „Forrest Gump“ Sophie geben? „Keine Ahnung.“ Welches sei sein Code für Frauen? „625X, . . . äh, . . . 43Z, ich meine, nichts ersetzt das reine Herz des Instinkts.“ Da Vinci habe sein Meisterwerk mit 51 geschaffen, wie sei es bei Hanks? „Na, da bleibt mir noch ein Jahr. Und ein bisschen mehr vielleicht sogar für zwei oder drei.“ Wie viel wird der Film einspielen? „Drei Millionen Dollar“, sagt Tom Hanks sofort und lässt eine Kunstpause folgen. „Bis Freitag. Mehr ist jetzt noch nicht zu sagen.“

Prognosen sind tatsächlich schwierig bei einem Film, dessen hartnäckigste Zuschauer jede Zeile aus Dan Browns nach der Bibel wohl meistverkauftem Weltbestseller auf Zelluloid wiederfinden wollen. Und werden die Provokationen gegenüber der katholischen Kirche und ihrer fundamentalistischen Opus-Dei- Truppe womöglich ebenso viele Zuschauer vergrätzen, wie sie andererseits anziehen? Regisseur Ron Howard verlegt sich aufs Fürsorgliche. „Der Film kann Leute traurig machen“, sagt er mit treuherzigem Blick in die Runde. „Mein Rat: Gehen Sie nicht gleich rein, sondern sprechen Sie zunächst mit Leuten, die ihn kennen.“ Eine Sensibilität, die die Produzenten allerdings weniger glücklich machen dürfte.

Überhaupt verlegt sich Howard aufs Geschmeidige. Die glasklare Frage an alle auf dem Podium, ob man denn „so als Mensch“ glaube, dass Jesus verheiratet gewesen sei, gibt er ans Kinopublikum zurück, das bekanntlich bei weitem intelligenter sei, als mancher denke; im Übrigen sei das Leben ein Mysterium. Mit anderen Worten, auch bei dieser Frage muss wieder Tom Hanks ran: „Jesus verheiratet? Ich war damals nicht in der Gegend.“ Innovativer noch antwortet Ian McKellen, auf der Leinwand der einzig interessante Bösewicht: „Der Film hat immerhin eine tröstliche Botschaft, wenn man an die Probleme der katholischen Kirche mit den Homosexuellen denkt: Jesus war nicht schwul.“

Na, wenn das keine Exklusivmeldung ist, die von Cannes aus durch die Welt geht! Der Rest ab heute in Ihrem Lichtspieltheater.

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