Kultur : Die definitive Gesamtausgabe: Benjamin komplett

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Die Geschichte ist spektakulär: Als der jüdische Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin im Juni 1940 aus Paris flüchtete, beschlagnahmte die Gestapo die Manuskripte in seiner Wohnung. Nach einer Odyssee über Moskau und Potsdam gelangten sie an die Ostberliner Akademie der Künste. Andere Schriften befanden sich im AdornoNachlass in Frankfurt am Main, weitere Aufzeichnungen hatte George Bataille in der Pariser Bibliothèque Nationale versteckt. Erst in den Achtzigern gelangten sie Stück für Stück an die Öffentlichkeit. Das machte die von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser seit 1972 besorgte Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ zu einem problematischen Unternehmen. Niemand wusste, wie groß der zu edierende Textbestand sein würde, ständige Anpassungen waren erforderlich.

Nun, da der gesamte Nachlass seit etwa einem Jahr im Berliner Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste versammelt ist, annoncierte das Archiv ein „Aufsehen erregendes neues Forschungsprojekt“: Benjamins „Werke und Nachlass“ werden als „Kritische Gesamtausgabe“ erscheinen. Hauptherausgeber sind Christoph Gödde und Henri Lonitz, Einzelbände werden von Spezialisten betreut. Gefördert wird die Edition, die den höchsten philologischen Anforderungen einer historisch-kritischen Ausgabe genügen soll, von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur unter Jan Philipp Reemtsma. Über Geld wollte Reemtsma bei der gestrigen Vorstellung in Berlin nicht reden, wohl aber über die Konzeption: Die Chronologie tritt zugunsten der „Werklogik“ in den Hintergrund, Benjamins Arbeitsweise soll anhand verschiedener, im selben Band vereinigter Fassungen nachvollziehbar werden. Faksimiles geben die originale Textgestalt mit Benjamins handschriftlichen Anmerkungen und Skizzen wieder und zeigen so Korrespondenzen seines Denkens auf. Starten soll die auf 20 Bände konzipierte Ausgabe Ende 2006, Anfang 2007, flankiert von einer Ausstellung und einer Konferenz. ric

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