Kultur : Die dritte DDR

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Harald Martenstein über

„Good Bye, Lenin!“, Egon Krenz und Co.

Es war zweifellos das erfolgreichste Jahr der DDR seit 1988. Der Film der Filme in Deutschland und größte internationale Hit seit langem heißt „Good Bye, Lenin!“ und handelt von einem etwas sonderbaren, aber nicht unsympathischen Land. Im Fernsehen liefen die Ostalgie-Shows, dämlich, aber im ganzen DDR-freundlich. Es ist auch nicht mehr unwahrscheinlich, dass eine ehemalige DDR-Bürgerin Kanzler wird. Und nun haben sie noch Egon Krenz aus dem Knast entlassen, den letzten Staatschef.

Seit 1989 gab es, vereinfacht gesagt, zwei Deutungsmuster zur DDR, deren Vertreter in den Medien und an den Kneipentischen um die Meinungsführerschaft gekämpft haben: die DDR als politischer Unrechtsstaat und die DDR als Ort von geglückten privaten Biografien. Eine böse und eine gute oder halbwegs gute DDR. Dieser Kampf musste unentschieden ausgehen, weil beide Seiten Recht hatten. Die DDR war nun mal beides. Man konnte, je nach Situation, mal für die private DDR und mal gegen die politische DDR sein, natürlich im Wissen, dass diese Dinge miteinander zusammenhängen – so widersprüchlich ist das Leben.

Im Jahr 2003 zeichnet sich ein Ende ab. Die juristischen Nachwehen sind fast abgeschlossen, der Palast der Republik wird abgerissen, Trabbis sind selten geworden. Während Erinnerungen verblassen und reale Hinterlassenschaften verschwinden, steigt nach der privaten und der politischen eine dritte DDR aus dem Nebel. Das ist die erinnerte DDR in Kunst und Medien. Sie sieht überraschend nett aus. West-Erwachsene denken an Kati Witt, den Polizeiruf und „Good Bye, Lenin!“. Die Kinder, die erste gesamtdeutsche Generation, denken ans Ampel- und ans Sandmännchen. Und die Ost-Erwachsenen? Klar, fast jeder Mensch färbt sich im Rückblick sein Leben schön, Erinnerung lügt immer, nicht nur bei Walter Jens. Was ist mit den Mauertoten?, fragen die Mahner. Das Spitzelsystem. Der Druck. Nicht vergessen! Keine falsche Versöhnung!

Aber Versöhnung, Zusammenwachsen, Ende der inneren Spaltung, das wollte man doch. Jetzt findet es halt statt. Und es hat, wie alles, seinen Preis. Was ist so falsch an dem Gedanken, erlittenes Unrecht auch einmal zu den Akten zu legen? Versöhnung ist ein christlicher Gedanke, der, wie man sieht, immer noch revolutionär wirkt. Die DDR ist Geschichte, die Toten bringt keiner zurück. Einfluss hat man nur auf die Zukunft. Versöhnlichkeit ist auf dem Weg in die Zukunft meistens hilfreicher als Unversöhnlichkeit.

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