„Die Ebenen“ von Gerald Murnane : Im Innersten der Randbezirke

„Die Ebenen“: Endlich erscheint das erste Buch des genialen australischen Einzelgängers Gerald Murnane auf Deutsch.

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Der Himmel über der Flachlandwüste um Goroke, Victoria. Filmstill aus Ben Denhams Videoporträt „Mental Places“, das Gerald Murnane im Gespräch mit seinem australischen Verleger Ivor Indyk von Giramondo Publishing zeigt.
Der Himmel über der Flachlandwüste um Goroke, Victoria. Filmstill aus Ben Denhams Videoporträt „Mental Places“, das Gerald Murnane...Foto: Ben Denham

Außerhalb der englischsprachigen Welt war er bis vor Kurzem nicht viel mehr als ein Gerücht, und selbst innerhalb wussten über Jahre nur Eingeweihte, was sie an ihm hatten. Gerald Murnane war eine rein australische Angelegenheit. Hätten nicht J.M. Coetzee in der „New York Review of Books“ und Teju Cole in „Music & Literature“ für ihn getrommelt, würde sein Name neuerdings nicht auf den alljährlichen Wettlisten zum Literaturnobelpreis auftauchen – er wäre wohl das bestgehütete Geheimnis des roten Kontinents geblieben. Ein Grund mag sein, dass Klang und Rhythmus seiner Prosa nicht unbeschädigt in andere Sprachen reisen. Entscheidend aber ist, dass er selbst sich im Lauf seiner 78 Jahre kaum je vom Fleck bewegt hat. Gerald Murnane ist eines der am tiefsten wurzelnden Geschöpfe, das der Bundesstaat Victoria hervorgebracht hat. Dort wurde er in Coburg geboren, dort wuchs er in Bendigo und im Western District auf, dort lebte er in einem Vorort von Melbourne, dort bewohnt er im 600-Seelen-Ort Goroke seit dem Tod seiner Frau 2009 ein Haus, und dort will er eines Tages sterben. Die Grabstelle ist schon ausgesucht.

Sogar ein Besuch im benachbarten South Australia, bei der Writers’ Week in Adelaide, wo er letztes Jahr sein jüngstes Werk „Something for the Pain“ vorstellte, eine sämtliche Sport- und Tierklischees transzendierende Erinnerung an die größte Leidenschaft seines Lebens, die Pferderennen zu Jugendtagen, ist für ihn ein Angehen. An Auslandsreisen ist deshalb nicht zu denken: Der von Landkarten, fernen Gegenden und von Jack Kerouacs Vagabundieren in „On the Road“ besessene Murnane zählt zu den neurotischsten Stubenhockern, die man sich vorstellen kann – und zu den freiesten und weitesten Geistern, die es in der zeitgenössischen Literatur gibt.

Schalkhafte Verteidigung der Provinz

Doch obwohl das Visionäre dieses knurrig-verschmitzten Einzelgängers einer hochgradig lokalen Erfahrung entspringt, ist das Australien seiner von ihm „Fiktionen“ genannten Bücher nur ein Schatten jener Parallelwelt, zu der er von seinem Basislager in Goroke aus aufbricht. In „The Plains“, das unter dem Titel „Die Ebenen“ nun mit einem enthusiastischen Nachwort des amerikanischen Dichters Ben Lerner als erstes seiner Bücher auf Deutsch erscheint, wird die Wirklichkeit mit allen literarischen Kräften aus den Angeln gehoben. Voller Schalk lässt er eine „Bruderschaft der Endlosen Ebenen“ nach einer Kultur rufen, die nicht der „unechten Lebensart der Küste“ folgt, sondern den fantastischen Sitten und Gebräuchen einer unendlichen Provinz, in der „maßgebliche, aber selten gesehene Landschaften tief im Innern“ alles Erleben prägen. Auch von einem, der die Existenz Australiens rundheraus leugnet, ist die Rede, nachdem „die Grenzen echter Staaten in den Seelen von Menschen festgelegt“ seien.

Was Gerald Murnane umkreist, sind „Mental Places“, wie Ben Denhams schönes Videoporträt heißt, das zur Veröffentlichung von „A Million Windows“ entstand und auf YouTube und Vimeo zu sehen ist. In seinem Arbeitszimmer geht Murnanes Blick in mindestens vier Richtungen: auf das Papier vor sich. Auf die Aktenschränke mit den Hängeregistraturen, in denen sich, sorgfältig geordnet, die Aufzeichnungen und Dokumente eines ganzen Lebens ansammeln. Auf die unermesslichen Horizonte über flachem Land, die sich vor dem Fenster andeuten. Und auf ein inneres Jenseits der Schrift. Unter den Autoren, die Murnane ausdrücklich als Einfluss nennt, ist ihm Marcel Proust mit der Suche nach einem moi profond, einem tiefen Selbst, besonders nah. Der Begriff, den Proust wiederum bei Henri Bergson entlieh, meint ein unerforschliches, über jedes erreichbare Selbstbild hinausgehendes Ich, das mit der mémoire involontaire verknüpft ist.

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