Kultur : Die Edelbauer

Architektenkunst: Peter Zumthor in Bregenz, Le Corbusier in Weil am Rhein

Michael Zajonz

Wer den grünlich-gläsernen Schrein des Kunsthauses Bregenz betritt, wähnt sich inmitten zeitlos schöner Meisterwerke. Dabei sind es nur Architekturmodelle. Die große Retrospektive des 1943 in Basel geborenen Kunsthaus-Entwerfers Peter Zumthor feiert den Architekten nicht als Organisator und Dienstleister, sondern – als bedeutenden Künstler.

Kann Architektur Kunst sein? Ein akademisches Problem. Sind Architekten Künstler? Letztlich eine nur individuell zu beantwortende Frage.

Gleich hinterm Eingang des Bregenzer Kunsthauses hat Thomas Durisch, der im Atelier Zumthor in Haldenstein/Graubünden gearbeitet hat und nun als Kurator das Hohelied des Meisters anstimmen darf, Zumthors großartigstes Projekt aufgestellt. Es endete als seine größte Niederlage. Der Berliner Neubau der Gedenkstätte Topographie des Terrors wurde nach elf langen Jahren zu den Akten gelegt, die bereits gebauten Keller und Treppentürme 2004 zum Abriss freigegeben. In Bregenz lockt das makellose Großmodell der Ausführungsplanung von 2003. So schön kann Trauerarbeit sein.

Zumthor gibt sich dazu rechtschaffen trotzig. Das Berliner Gebäude, so der Maestro während der Pressekonferenz, sei „nicht mehr wegzumachen. Es ist bekannt in der Welt“. Architekturentwürfe, die einer Realisierung gar nicht mehr bedürfen? Aus Zumthors Mund klingt das wie Selbstschutz. Kein anderer Architekt der Gegenwart hat den Bauprozess und damit das Moment der Zeit im Raum so anspielungsreich zur Kunstform erhoben wie der gelernte Möbelschreiner.

Ihren kaum noch steigerbaren Höhepunkt erreicht Zumthors Extrembaukunst in der im Frühjahr fertiggestellten Feldkapelle Bruder Klaus bei Wachendorf/Eifel. Im Auftrag einer ortsansässigen Bauernfamilie und mit deren tätiger Mithilfe auf freiem Feld errichtet, feiert der minimalistische Betonturm das Bauen als mystisches Gemeinschaftserlebnis. Erst wurde ein „Zelt“ aus 112 Baumstämmen errichtet, dann in 24 Tagwerken der Betonmantel vor Ort drum herum gestampft, schließlich durch ein dreiwöchiges Köhlerfeuer der innere Holzkern so getrocknet, dass er sich wieder entfernen ließ. Entstanden ist ein archaisch-raffiniertes Gesamtkunstwerk voller Geheimnisse, bis zum höhlenartig-unebenen Fußboden aus Zinnblei.

Zumthor bleibt ein Magier und Artist, so beim gerade eröffneten Diözesanmuseum Kolumba in Köln – selbst wenn er mit 15 bis 20 Mitarbeitern inzwischen auch größere städtebauliche Aufträge übernehmen kann. Sein Herz schlägt für Häuser in poetischer Landschaft, die ein einzelnes Gedicht beherbergen sollen, oder für die calvinistisch strenge Wetterhülle, die er einer Bodenskulptur von Walter De Maria errichten will. Ob man deshalb allerdings seine Soloshow in Bregenz mit einer aufwendigen Filminstallation von Nicole Six und Paul Petritsch selbst zum Kunstprodukt veredeln muss?

Dem Künstlerarchitekten der Moderne par excellence widmet sich eine ähnlich ambitionierte Großausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Die letzte Retrospektive Le Corbusiers fand zum 100. Geburtstag 1987 im Pariser Centre Georges Pompidou statt.

„Le Corbusier – The Art of Architecture“ versucht nun erstmals im großen Rahmen das Selbstverständnis des Architekten mit dem des Malers und Bildhauers in Einklang zu bringen. Ein gut gemeinter Kurzschluss. Corbu, wie ihn seine Fans bis heute zärtlich nennen, war neben Ludwig Mies van der Rohe zweifellos der bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts, doch nur ein mäßig origineller bildender Künstler. Fatal erinnern seine Gemälde an Fernand Léger – aus zweiter Hand.

Und doch gelingt es Stanislaus von Moos, Arthur Rüegg und Mateo Kries, dem Kuratorenteam, aus Corbus ästhetischem Kosmos frische Funken zu schlagen. Sicher nicht mit den nachempfundenen Interieurs des berühmten Pavillon de l’Esprit Nouveau von 1925 oder der Unité d’Habitation, der ersten „Wohnmaschine“ für großstädtische Dimensionen, errichtet in Marseille 1945 bis 1952, als deutsche Schrumpfform reproduziert zur Interbau 1957 in West-Berlin. Den utopischen Geist und das Aroma von Vergeblichkeit, den diese Jahrhundertprojekte im realen Leben verströmten, kann keine Ausstellungsarchitektur nachstellen. Wohl aber das suggestiv Appellierende der Dioramen, mit denen der Architekt 1925 seinen Radikalplan zur Umgestaltung von Paris zur Wolkenkratzerstadt anpries. Corbu war ein Meister medialer Behauptungen – und damit der erste moderne Stararchitekt, der seinen bloßen Auftritt zur Kunstform kürte.

„Baukunst oder Revolution. Die Revolution lässt sich vermeiden“, heißt es in seiner Programmschrift „Vers une architecture“ von 1923. Sie verkündet frohgemut das Selbstbild des Architekten als Sozialingenieur und Weltbaumeister, der den Leuten sagt, wie sie leben müssen, um glücklich zu sein. Dass Jüngere bereits in den fünfziger Jahren in Opposition gegen den sakrosankten Antirevolutionär Corbu traten (der mit Spätwerken wie der Wallfahrtskapelle von Ronchamp oder der erst 2006 posthum fertiggestellten Kirche von Firminy wiederum selbst gesetzte Grenzen überschritt), zeigt eine Ausstellung im nahen Schweizerischen Architekturmuseum in Basel.

Pancho Guedes, ein „alternativer Modernist“, ist selbst Kennern kein Begriff mehr. 25 Jahre lang hat der quicklebendige 82-jährige Portugiese, der schon mal in einem Atemzug mit Pop- und Konzept-Architekten wie Peter Cook und Aldo van Eyck genannt wurde, in Mosambik gebaut: von Anfang der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre. Auch er einer, der formen und formulieren muss, um sich nicht im Gestrüpp der Gedanken zu verlieren. Seine Architektur offenbart bei aller Lässigkeit eine Leidenschaft, die letzte Lösungen sucht. „Die Idee“, so Guedes augenzwinkernd, „wurde fünfmal geträumt und viermal verblasste der Traum.“ Wahre Baukunst braucht stets diese Chance eines letzten Versuchs.

„Peter Zumthor. Bauten und Projekte 1986–2007“, Kunsthaus Bregenz, bis 20. 1., kein Katalog. „Le Corbusier – The Art of Architecture“, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 10. 2., Katalog 79,90 €. „Pancho Guedes, ein alternativer Modernist“, Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 20. 1., Katalogheft 17 CHF.

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