Kultur : Die ekstatische Glut des Mittelalters

BORIS KEHRMANN

Drei Konzerte zum 900.Geburtstag der Heiligen Hildegard von BingenVON BORIS KEHRMANNDie Visionen der Heiligen Hildegard von Bingen lesen sich stellenweise wie Vorwegnahmen des Surrealismus."Jerusalem, deine Mauern blitzen von lebendigen Steinen, die durch den Eifer guten Wollens wie Wolken flogen hoch am Himmel", heißt es etwa in der Sequenz an den Heiligen Rupert.Über dessen Grab auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein hatte die auch politisch selbstbewußt gegen ihre Vorgesetzten auftretende Äbtissin 1150 ihr eigenes Frauenkloster gegründet.Die vier Sänger des auf mittelalterliche Musik spezialisierten englischen Ensembles "Gothic Voices" brauchen im Kleinen Saal des Konzerthauses nicht mehr, als ihre Stimmen, um etwas von dieser ekstatischen Glut aufflammen zu lassen.Ein lang von den Männerstimmen ausgehaltener Akkord aus Grundton und Quinte gibt das harmonische Fundament, über dem sich Catherine Kings Mezzosopran in der Sequenz "Columba aspexit - Die Taube blickte durch das Fenster" zweieinhalb Oktaven in die Höhe schwingt.Dieses Fundament, der "Tonus currens", der von den meisten Interpreten mittlelalterlicher Musik grundsätzlich zur Kolorierung eingesetzt wird, fällt bei den "Gothic Voices" schließlich ganz weg.Es bleibt die reine Melodie des einstimmigen Gesangs.Die aber hat es in sich: in ihrer individuellen Erfindung wie in ihrem Ausbrechen in leiterfremde Töne. Catherine King und Roger Covoy-Crump gehen noch einen Schritt weiter, indem sie die Mittel vokaler Textausdeutung behutsam nutzen und so der unbewegten Ebenmäßigkeit des Klangs inhaltliches Profil geben: durch ein zartes Vibrieren der Stimme beim "Duft von Myrrhe und Weihrauch", durch eine häßliche gutturale Einfärbung bei der Nennung des Teufels, durch schmelzenden Ton bei der Anrufung der "dulcissima puella" Maria, durch lauten Jubel in der Freude.Die sachliche, durch keinerlei pseudosakralen Nachhall ablenkende Akustik des Konzertsaals ermöglichte eine einzigartige Konzentration auf das Genie einer Dichterin und Komponistin, deren 900.Geburtstags in diesem Jahr gedacht wird. Konzerthaus-Dramaturg Dietmar Hiller hat aus diesem Anlaß wieder einen Zyklus zusammengestellt, in dem Ursprünge, Zeitgenossenschaft und Nachwirkungen ausgewählter Persönlichkeiten und Ereignisse ausgeleuchtet werden.Das Programm der "Gothic Voices" dokumentierte dabei das Schaffen der Zeitgenossen der Äbtissin durch fröhlich rhythmisierte zwei- und dreistimmige Prozessionslieder, die in krassen Widerspruch zur persönlichen Musiksprache Hildegards traten.Eine vierstimmige Motette, kurz nach ihrem Tod entstanden, machte vollends deutlich, daß ihre Radikalität sich - unberührt von den avantgardistischen Entwicklungen ihrer Zeit - in den Formen der Vergangenheit verwirklichte. Mit der Erkenntnis, daß die frühe mittelalterliche Musik wesentliche Impulse aus dem Gesang des Nahen Ostens empfangen hat, machen Vladimir Ivanoff und sein Ensemble Sarband ernst, indem sie traditionelle Gesangstechniken des Orients auf europäische und ostkirchliche Weisen gleichermaßen anwenden.Belinda Sykes übersäte die guttural intonierten Sätze der Hildegard mit kunstvollsten melismatischen Improvisationen im Stile griechischer, byzantinischer und arabischer Überlieferungen und durchdrang sie radikal mit ihrer eigenen Persönlichkeit.Mit den Klageliedern der 810 geborenen Nonne Kassia von Byzanz stellte Fadia el-Hage der Heiligen Hildegard eine weitere große Stimme der Frauenmusik des Mittelalters zur Seite. Um das Weiterleben klösterlich geprägter Spiritualität ging es im Abschlußkonzert.Das musikalische Erbe ist vor allem von den Neo-Mediävialisten unseres Jahrhunderts wieder aufgenommen worden.Der gewollt simple Einfall der "Fratres" ihres prominentesten Vertreters Arvo Pärt wurde vom Neuen Berliner Kammerorchester unter Jac van Steen nicht besonders raffiniert umgesetzt.Einflußreicher wirkte mittelalterliche Spiritualität literarisch durch ihre Texte nach, die in Pergolesis Vertonung der franziskanischen "Stabat Mater"-Sequenz und, in unserem Jahrhundert, in Lennox Berkeleys Orchesterliedern über visionäre Gedichte der Heiligen Teresa von Avila vertreten waren.

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