Kultur : Die Entdeckung einer Kömodie

CHRISTINE DÖSSEL

Es ist ein Theaterabend, wie nicht nur die Münchner ihn lieben: ausführlich, üppig und prall, geprägt von märchenhafter Erzähllust und herrlicher Spinnerei.Fünf Stunden dauert Dieter Dorns "Cymbelin"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen.Fünf Stunden, in denen immer neue Überraschungen, Wendungen und Gags die eben schon gesehenen ausstechen, übertrumpfen oder einfach nur abdrängen - das läuft wie am Schnürchen, fast knotenlos.Fünf Stunden lang feiert diese Inszenierung das Theater als Fest; gönnt sich den Luxus szenischer Ausgelassenheit und schauspielerischer Völlerei.Mit einem Stück, das offenbar keinen höheren Sinn und Zweck verfolgt, als der Schaulust zu dienen und dem Shakespeare zu geben, was des Shakespeares ist: großes Theater um große Gefühle.

Dorns wunderbar verspielte Inszenierung wirkt wie ein Befreiungsschlag für ein Haus, das nach den Miseren mit Peter Zadeks "Alice im Wunderland" und "Richard III." zunehmend in die Krise geraten und da seither nicht wieder ganz rausgekommen ist.Es scheint, als habe es erst dieser Aufführung bedurft - Dorns Shakespeare-Arbeit als Replik auf Zadeks Version -, um wieder zu sich zu finden und sich auf die eigenen Stärken zu besinnen - und das sind an den Kammerspielen zuallererst noch immer die Schauspieler.An diesem Abend funkeln sie wie schon lange nicht mehr.

Als "die größte künstlerische Enttäuschung in meinem Leben" hat Dorn Zadeks "Richard"-Inszenierung bezeichnet.Inzwischen kann Dorn darüber lachen - und so beginnt "Cymbelin" mit einem Witz in eigener Sache: Im froschgrünen Richard-Kostüm hinkt der Schauspieler Olaf Danner als Paulus-Manker-Kopie über die Bühne.Der Zadeksche Titelheld wird mit einem Lacher ein für allemal aus dem Haus verbannt.

Diese selbstironische Leichtigkeit gibt den Grundton an für eine Aufführung, die voller toller Einfälle steckt, voller Witz und Lustigkeiten.Was Regisseuren wie Haußmann und Kriegenburg recht ist, ist Dorn hier billig.Es ist, als wollte er beweisen: Späßchen machen, das kann ich auch! Und wie! Dorns Gags zünden nicht nur, sie sind auch intelligent und satirisch, verrückt sogar und immer wieder staunenswert.Die Szene, in der Handwerker umständlich einen Flügel durchs Parkett auf die Bühne bugsieren - sie lebt von allerbestem Slapstick.Dorns Römer sind komisch wie bei Asterix; die Henker-Nummern sind reinster Monty Python.Und für die Kriegsszenen hat der Regisseur sich etwas ganz besonderes einfallen lassen: Er stellt die Krieger im Schaukasten aus, eingefroren in ihren Kampfbewegungen - lebensgroße Schlachten-Tableaus.

Dorn ist diesmal sein eigener Ausstatter, hat stilisierte Kostüme entworfen (Mitarbeit: Esther Amuser) und eine schlichte Holzpodestbühne (Mitarbeit: Martin Kinzlmaier).Die Einfachheit tut der Sache gut; es ist, als habe sie Dorns Phantasie gekitzelt.Wo Shakespeares verworrenes Märchenstück konstruiert erscheint und allzu gedrechselt, macht der Regisseur es leicht und deutlich - mit szenischen Tricks, mit Ironie und ausgestellter Theaterhaftigkeit.Dorn lockert die Verknotungen und stärkt die Schwachstellen, läßt sie notfalls hochtourig überspielen.Dazu trägt auch Michael Wachsmanns dichte, gewiefte, oft sehr sprachkräftige Neuübersetzung bei.

"Cymbelin" gilt als Shakespeares umstrittenstes Stück und ist doch fast unbekannt, weil nur selten gespielt.Bernard Shaw fand es platt und närrisch.Falls er hier tatsächlich der Autor ist, beschrört Shakespeare auf verschlungenen Wegen noch einmal seine Grundmotive - von den im Wald aufgezogenen Königskindern bis hin zu den Intrigen am Hof der Mächtigen.Cymbelin, der König, ist im Grunde eine Nebenfigur.Rudolf Wessely spielt ihn mit liebenswerter Trotteligkeit: ein kleiner König Gernegroß, der gar nicht merkt, wie er von seiner Gattin gelenkt und ausgenutzt wird.In der Rolle der Königin glänzt Irene Clarin: eine Viper im tiefschwarzen Schlangenhautkleid, krumm bis in die Körperhaltung.

Die eigentliche Hauptrolle hat sie: Innogen, des Königs unschuldiges Töchterlein.Nach mehrjähriger Babypause kehrt Sunnyi Melles in dieser Rolle an die Kammerspiele zurück: holdbleich und blond wie eh und je - und berückend intensiv.Melles spielt die Prinzessin mit einer engelsgleichen Unbeirrbarkeit, wie man sie nur vom Kleistschen Käthchen her kennt.Sie kann ungeheuer komisch sein und so naiv wie ein Kind.Sie fiept und piepst zuckersüß aus reinem Herzen.Ein tolles Comeback!

Innogen hat den jungen Posthumus Leonatus geheiratet, statt dem Papa zu folgen, der sich eine Verehelichung mit Cloten, dem Sohn seiner zweiten Frau, erhoffte.Der gute Posthumus (Jens Harzer) wird deshalb in die Verbannung gejagt.Er geht nach Rom, wo er im Haus des Senators Philario auf den durchtriebenen Iachimo trifft.Der zieht Innogens Treue in Zweifel und reizt Posthumus solange, bis dieser ihn zum Keuschheitstest in die Heimat schickt.Die Szenen, in denen der brillant sich verstellende Michael Maertens sein Glück bei Sunnyi Melles versucht und schließlich des nachts in ihr Gemach eindringt, aus einer Holzkiste sich schälend, bieten Komödiantik pur - erotisch aufgeheizt, knisternd, glänzend gespielt.

Iachimos falsche Beweise für Innogens Treulosigkeit sind Anlaß für zahlreiche Verwicklungen.Infolge dieser flieht Innogen, als Knabe verkleidet, in den Wald, stößt dort auf die totgeglaubten Brüder, zieht mit ihnen in den Krieg gegen die Römer, schlägt sich tapfer und wird am Ende beinahe gehängt.Sattes Spielfutter für hervorragende Schauspieler, darunter Claus Eberth als naturburschikoser Belarius, Arnulf Schumacher als Römer Caius Lucius und der alte Richard Beek als Mehrfach-Komiker.Rasender Beifall.Und ein Sonderapplaus für Stephan Kampwirth, der dem gehässigen Schnösel Cloten eine furios beredte Körpersprache verleiht.Und der sich - schönster running gag - bei jedem Abtritt den Kopf anstieß, trotz der Warnung: "Vorsicht, Kopf!"

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