Kultur : Die entfesselten Geister

Liebeserklärungen, Irrtümer und ganz viel Kleist: „Das Bastardbuch“, die grandiosen Memoiren des Regisseurs Hans Neuenfels

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„Komischer Vogel aus Krefeld“. So nannte ihn Max Ernst, dessen Sekretär Hans Neuenfels in Paris war. Neuenfels, geboren 1941, ist seit über 45 Jahren mit der Schauspielerin Elisabeth Trissenaar verheiratet. Zuletzt inszenierte er u. a. Wagners „Lohengrin“ in Bayreuth. Foto: dapd
„Komischer Vogel aus Krefeld“. So nannte ihn Max Ernst, dessen Sekretär Hans Neuenfels in Paris war. Neuenfels, geboren 1941, ist...Foto: dapd

Ein Lebensroman. Getarnt als Theatermemoiren. Tatsächlich ist dies mit seinen 500 Seiten ein Buch der Wunder, der Wucht, manchmal der Wut und zugleich von einer jugendwilden Altersmilde. Hans Neuenfels wurde unlängst 70 und kommt als Oberregierungsratssohn aus Krefeld. Vom Burg- oder Welttheater aus betrachtet, erzeugt solch ein Ursprung irgendwann einen widerborstigen Urschrei – und naturgemäß liest sich die daraus erwachsene Künstlerbiografie dann als Zeugnis des Ausbruchs und Aufbruchs. Mitunter auch der Abrechnung.

Der trotz aller Erfolge oft skandalisierte Schauspiel- und Opernregisseur nennt seine jetzt vorgelegten Erinnerungen mit betont bestimmtem Artikel: „Das Bastardbuch“. Nicht zuletzt schätzt Neuenfels auch Hunde und schafft mit einer letzten, tödlichen Einschläferungsszene beispielsweise ein ergreifendes Bild seines langjährigen vierbeinigen Gefährten namens Eugen. Vor allem aber liebt er die geistigen, die geistestollen Promenadenmischungen, die Gedankenkreuzungen und jene dramatischen Zwielichtgestalten, hinter denen im Rollenverzeichnis etwa bei Shakespeare dieses alte Wort „Bastard“ steht.

Er gehört zum selben Hochbegabungsjahrgang 1941 wie die Schauspieler Bruno Ganz, Otto Sander, Gert Voss oder der Dramaturg und Peymann-Partner Hermann Beil. Doch auch unter ihnen ist Hans Neuenfels ein Besonderer. Weil nicht ausschließlich Theater-, Film- oder Opernmensch, sondern wirklich ein Schriftsteller. Ein Poet. Darum fällt merkwürdig auf, dass Neuenfels, dem es an Selbstbewusstsein nicht mangelt („Ich fand mich toll“, so nach einem ironischen Kompliment des Dichters Jean Genet), die Erfahrungen des eigenen Schreibens hier weitgehend ausspart. Sein überaus sprachmächtiger Roman „Isaakaros“, vor 20 Jahren im Residenz Verlag erschienen, oder auch die wahrnehmungsreichen Annäherungen an Mozart, Schubert oder Wagner („Wie viel Musik braucht der Mensch?“) bleiben hier bestenfalls Hintergrundmusik.

Freilich erinnert Neuenfels an seine lyrischen Anfänge, die noch vor seiner Theaterkarriere lagen. Als 18-Jähriger hatte er 1959 „Ovar und Opium“, fünf gebundene Gedichte, in der renommierten kleinen Eremiten-Presse veröffentlicht. 1962 folgte der Gedichtband „Mundmündig“ in einem Kölner Verlag: mit drei Originalillustrationen von Max Ernst. Über einen Kölner Galeristen hatte der junge Autor die Adresse des in Paris lebenden Weltkünstlers erfahren, hatte ihm geschrieben, und später las Max Ernst auch ein paar Gedichte des „komischen Vogels aus Krefeld“.

Anfang der sechziger Jahre wurde Hans Neuenfels in Paris so für eine Weile Max Ernsts „Privatsekretär“. Das stand zwar schon in tausend Artikeln über Neuenfels. Im „Bastardbuch“ aber erfährt man in amüsanten Episoden erstmals mehr über die freundschaftliche Beziehung des Noch-Nobodys mit dem Großmeister des Surrealismus. Darin liegt auch eine künstlerische Grunderfahrung. Denn die traumhafte Übersteigerung und Durchdringung des vermeintlich Realen gehört neben dem Interesse für die Psychoanalyse zur Essenz aller Neuenfels-Inszenierungen: mal bis zur heißkalten Manie oder zum verkünstelten, gelegentlich allzu sexualsymbolischen Manierismus getrieben; mal genial. Mal alle gesellschaftlichen und individuellen Triebkräfte der Figuren, ob in Ibsens „Nora“ oder Kleists „Penthesilea“, ob in den Liedern Schuberts oder den Opern Verdis, aus ihren dunklen Tiefenschichten erhellend.

Apropos Kleist. Ihn hat Neuenfels zwischen Berlin und Wien immer wieder auf die Bühne gebracht und ihm mehrere Spielfilme gewidmet, von „Heinrich Penthesilea von Kleist“ bis zu „Die Familie oder Schroffenstein“. Kleist, der preußische Offizier und Revolteur, der nordköpfige Südenssehnsüchtige, der arkadische Krieger und unerfüllte Liebesträumer ist wohl der Dichter, der Neuenfels am nächsten ist, den er immer wieder sucht. Als er 1990 mit seiner Intendanz an der West-Berliner Freien Volksbühne an eigenem Künstlerpech und einer engherzigen Senatskulturpolitik gescheitert war, notiert er über den später zum Haus der Festspiele umfunktionierten Ort: „Mein größtes Glück wäre es gewesen, die Freie Volksbühne in ,Heinrich von Kleist Theater’ umbenennen zu dürfen.“

Nicht nur in diesem Kleist-Jahr kommt Neuenfels gerade richtig. Richtig zu spät – oder zu früh, wie der Poet und Selbstmörder, dem er mit Reimen nachruft im „Kreuzworträtsel Kleist“: „Eines Tages im Abendschein / Trank er neben einer Frau allein / Noch ein letztes Gläschen Wein / Seelenruhig und dreist“.

Auch den leibhaftig Erlebten widmet Neuenfels einige wunderbare Porträts. Neben Max Ernst und Jean Genet sind das Lieblingsschauspieler wie Ulrich Wildgruber oder Peter Roggisch, der Berliner Opernintendant Götz Friedrich, der Dirigent Michael Gielen, der Dichter und Spieler Franz Xaver Kroetz (mit dem Neuenfels am Wiener Max-Reinhardt-Seminar studierte), der Dramaturg und spätere Opernintendant Klaus Zehelein, die Autoren Horst Laube und Heiner Müller (ein fremder Freund). Oder Rainer Werner Fassbinder, der mehrere Filme mit Neuenfels’ Lebensgefährtin Elisabeth Trissenaar gemacht hat und auch Neuenfels einmal besetzen wollte, was dieser abgelehnt hat, einer seiner bastardischen Irrtümer. Eine erzählerische Perle ist auch die fabulös spukhafte Begegnung mit Greta Garbo („Yes, it’s me“) in einem Bus auf Kreta ...

Am schönsten allerdings wird die zähe Fragilität des Berliner Brecht-Schülers, Regisseurs und Frankfurter Mitbestimmungstheaterchefs Peter Palitzsch beschrieben. Am überraschendsten wirkt eine witzige Liebeserklärung an die gefürchtete Bayreuth-Herrscherin Gudrun Wagner, die, das Töchterchen Katharina im Schlepptau, mit ihm bei mehreren Flaschen Wein den Vertrag für seine – auch 2011 gezeigte – Bayreuther „Lohengrin“- Inszenierung macht. Und eine bewegende, tiefgründende Hommage ist das ganze Buch natürlich für Elisabeth Trissenaar, die Gattin, Muse und lebenslängliche Lieblingsschauspielerin.

Eine Abrechnung, die sich gewaschen hat, trifft dagegen Kirsten Harms, die Ex-Intendantin der Deutschen Oper Berlin. Angesichts der plötzlichen Aufregung um Neuenfels’ bereits lange im Repertoire gelaufene „Idomeneo“-Inszenierung mit den surreal abgeschlagenen Köpfen der Religionsstifter Jesus, Mohammed, Buddha verfügte Harms erst die Absetzung, dann nach öffentlichen Protesten die Wiederaufnahme: mit einer peinlich drittklassigen Besetzung. Das will ihr Neuenfels nicht verzeihen.

Wo er freilich irrt: Richard von Weizsäcker, den er ansonsten als zugeneigten Theatergänger und oftmals anregenden Gesprächspartner schildert, war 1993, als er im Berliner Schiller Theater Neuenfels’ „Sommernachtstraum“-Inszenierung besuchte und sich danach mit ihm unterhielt, längst nicht mehr Berliner „Bürgermeister“. Und als Bundespräsident hat er, anders als es ihm Neuenfels unterstellt, in diesem Moment wohl kaum gewusst, dass der Senat in einer hektisch anberaumten Sitzung noch in derselben Nacht die Schließung des Theaters bestimmen würde.

Der Auf- und Ausbruch des Bürgersohns in die Kunst, das bleibt das unausgesprochene Leitmotiv: Weil „ich ein Suchtmensch bin, süchtig nach Körpern, Gesprächen, Zigaretten, Prosa, Alkohol, Lyrik, Haschisch, Anerkennung, nach Verwandlung dessen, was ist, um im wilden Wechsel die Angst zu überwinden, die Starre, den Tod, den ich in der Jugend mehr fürchtete als jemals danach, weil die brennende Überfülle der geheimnisvollen Ungeklärtheiten mich überfiel wie ein Bienenschwarm den Imker ohne Schutz“. So klingt ein großes Buch.

Hans Neuenfels: Das Bastardbuch. Autobiographische Stationen. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2011. 512 Seiten, 24,99 €

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