Kultur : Die Erde ist keine Bleibe

Robert Lepages Film „La face cachée de la lune“

Jan Schulz-Ojala

Theaterfans erinnern sich leuchtenden Auges: Vor fünf Jahren gastierte der Kanadier Robert Lepage bei den Berliner Festwochen mit „The Far Side of the Moon“ – und die vom örtlichen Bühnenleben arg ermatteten Kritiker waren heftig aus dem Häuschen. Und dabei hatte sich Lepage nicht mal mit einem Großgesamtkunstwerk oder gar mit einer Revue (auch derlei kann er neuerdings!) angekündigt, sondern mit einem Solo, das er als Darsteller in zwei Haupt- und vier Nebenrollen selbst besorgte.

Nun hat, nach letztjährigem Berlinale-Auftritt, „La face cachée de la lune“ im Kino Premiere – und auch auf der Leinwand ist Lepage als ewig promovierender Weltraumforscher Philippe und als dessen cool-schwuler Bruder André, der den zweifelhaften Ruhm eines Jörg Kachelmann der kanadischen Television genießt, allerlustigst anzuschauen. Philippe jobbt in einem Call Center und will zugleich weltweit die Space-Wissenschaftler von seiner These überzeugen, die Raumfahrt sei nicht dem Erkenntnistrieb, sondern allein menschlichem Narzissmus geschuldet. André hingegen muss zu Recht befürchten, nach dem jüngst erfolgten Tod der Mama nun selber seinen nervenden Messie-Loser-Bruder am Halse zu haben.

Aber das alles ist, ehrlich gesagt, nicht so wichtig. Traumhaft vor allem, wie der Film gemacht ist: Die Waschmaschinentrommel alias das Raumschiffbullauge alias das Goldfischglas, die schon auf dem Theater als Illusionisten-Requisiten funktionierten, sind hier unwiderstehliche Überblendungsmittel, die – unterstützt von feinstjustierter Tonspur – schon früh den Eindruck eines gänzlich schnittlosen Films herstellen. Von einer Szene (Kamera: Ronald Plante) schwebt man in die nächste, ohne das Scharnier zu fühlen und nimmt, da hier wohl eine unendliche Trancefahrt durchs Leben avisiert ist, zwecks zartem Szenenwechsel bald auch die gute, alte Schwarz- oder Weißblende in Kauf. „Die verborgene Seite des Mondes“: eine Reise durch Gestern und Übermorgen, durch Raum und Schaum, Fantasie und ausnahmsweise fetzige Fadwirklichkeit. Bitte festhalten? Bitte loslassen!

In Berlin im fsk Oranienplatz (OmU)

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