Kultur : Die Erfindung des Garten Eden

Als Südamerika in die Malerei kam: Eine Münchner Ausstellung entdeckt den Niederländer Frans Post

Nicola Kuhn

So stellten sich die Niederländer im 17. Jahrhundert das Paradies auf Erden vor: blitzblauer Himmel, eine sanft hügelige Landschaft strotzend vor Grün mit viel Wasser, bevölkert von exotischem Getier, das sich zwischen Ananasstauden und Dattelpalmen verlustiert. Diesen Garten Eden hat es wirklich gegeben, zumindest sieben Jahre lang. Von 1637 bis 1644 existierte Holländisch-Brasilien an der Ostküste des amerikanischen Subkontinents, rund um die heutige Millionenstadt Recife.

Der Haarlemer Künstler Frans Post (1617 bis 1680) hat dieses Paradies höchst detailreich dokumentiert. Als malender Chronist war er neben Kartografen und Naturwissenschaftlern im Gefolge des Prinzen Johann Moritz von Nassau mit von der Partie, als dieser in Brasilien auf Landnahme ging und als Gouverneur für die Westindische Kompanie den Zuckerhandel vorantrieb. Auf den himmlischen Bildern von Frans Post findet sich deshalb immer auch eine Casa Grande, das Herrenhaus des Plantagenbesitzers, eine Zuckermühle und eine kleine Kapelle, die Dreieinheit der Ausbeutungskampagne. Im Vordergrund stehen dekorativ die eingeborenen Indianer und schwarze Sklaven von der Westküste Afrikas, ohne deren Arbeitskraft es dieses holländische Paradies nicht gegeben hätte.

Das Münchner Haus der Kunst widmet diesem Canaletto Brasiliens, wie man ihn unter Kennern nennt, seine dritte und bislang größte monografische Schau in Europa. Eine Neuentdeckung ist es zwar nicht, dafür sind seine Werke insbesondere in Brasilien viel zu begehrt, denn mit Frans Post findet Südamerika erstmals Eingang in die europäische Malerei. Aber mit ihren 25 Gemälden und zehn Zeichnungen geht die Ausstellung dem Werdegang des Malers so akribisch auf den Grund, als wäre sein Werk ein völlig neuer Kontinent. Tatsächlich öffnet sich dadurch ein gänzlich neuer Horizont auf ein fernes Land, eine andere Zeit, der einer Entdeckung gleicht.

Die Bilder von Frans Post entfalten eine hohen ästhetischen Reiz: Mit fast platt gedrückter Nase beginnt der Betrachter die penibel ausgeführte Flora und Fauna im Vordergrund zu studieren, das exakt in der Mitte mümmelnden Wasserschwein, weiter am Rand die feuerrot gefiederten Vögel, um sich dann in den feinen Abstufungen des Himmels, den zart hingetupften Wolken zu verlieren. Die Gemälde sind ein Zwitter zwischen Landschaftsmalerei, Naturstudien und Momentaufnahmen eines Zivilisationsprozesses, denn die dargestellten Gebäude, insbesondere die von Johann Moritz erbauten Fortikfikationen hat es exakt so gegeben. Gerade darin besteht auch der besondere Wert dieser Bilder. Sie zeigen den Zugriff des Eroberers, zugleich den Anfang von neuem urbanen Leben.

Das Hauptwerk der Ausstellung schildert Leben und Treiben in Mauritsstad, der ersten Stadt nach europäischem Vorbild in Amerika, im Moment ihres Entstehens: Zu sehen sind Häuser mit den typisch holländischen Stufengiebeln und geteilter Eingangstür, außerdem die Anfänge einer neu gepflanzten Palmenallee. Im Vordergrund ist vermutlich Johann Moritz selber porträtiert bei einer Begrüßungszeremonie, rundum weiße Siedler, Tupi-Indianer und weiß geschürzte Sklaven. Natürlich ist die Darstellung geschönt, doch sie vermittelt eine Vorstellung vom Ideal des holländischen Prinzen, der zumindest Eingeborene und Europäer verschiedener Konfession einvernehmlich zusammenleben ließ.

Der Traum vom besseren Leben in einem anderen Land währte nicht lang. 1654 mussten die Niederländer das Gebiet endgültig an die Portugiesen zurückgeben. Frans Post allerdings hatte in seinen Zeichnungen die Versatzstücke ihres Garten Eden konserviert. Heimgekehrt nach Haarlem konnte der bislang unbekannte Künstler auf einmal mit Bildern aus Holländisch-Brasilien reüssieren, ja er besetzte regelrecht eine Marktlücke mit seinen exotischen Motiven. Peu-à-peu löst er sich vom Wahrheitsgehalt, der eigentlich permanent graue Himmel Brasiliens gerät zunehmend blauer, die Ruine der Kathedrale von Olinda immer pittoresker. Zum Clou aber wurde „Der Wasserfall von Paulo Afonso“, den Frans Post mit großer Verve malt. In Wirklichkeit hat er ihn nie gesehen; die Expedition kehrte nach zwei Monaten aufgrund der Unwegsamkeit des Geländes erfolglos zurück. In Holland allerdings war das Motiv heiß begehrt, ob verifiziert oder nicht. Posts Kollege Allart van Everdingen hatte nach seiner Rückkehr aus Skandinavien 1646 den Sturzbach erstmals zum Gegenstand eines Gemäldes gekürt, dem stand Post nicht nach.

Das Haus der Kunst spinnt das Spiel mit der gefühlten Wirklichkeit fort. Es entsandte die brasilianische Malerin Rosilene Luduvico, die in Düsseldorf Kunst studiert hat, noch einmal zu den Orten, an denen einst auch Frans Post mit seinem Skizzenblock stand. Luduvico malte Bilder von luftiger Leere, da eine Figur, dort ein Palmwedel hingehaucht. Wie 350 Jahre zuvor sind es Projektionen, auf ihre Art ebenfalls Bilder vom Garten Eden.

Haus der Kunst, München, bis 17. September; Katalog (Imhof Verlag) 39,95 €.

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