Kultur : Die erfundene Revolte

Regie des Terrors: Vor 70 Jahren ließ Hitler Ernst Röhm erschießen – und liquidierte seine Rivalen

Hans Doderer

Ende des Jahres 1933, das Deutschland die so genannte nationalsozialistische Revolution gebracht hatte, schriebAdolf Hitler im „Völkischen Beobachter“, dem offiziellen Organ der NSDAP, einen offenen Brief an den Stabschef der SA Ernst Röhm, um dem „Freund und Kampfgenossen“ für dessen großartige Hilfe zu danken. Sechs Monate später ließ er den „Freund“ im Gefängnis von München-Stadelheim erschießen.

Röhm gebot über viereinhalb Millionen SA-Männer und sprach immer wieder von der Notwendigkeit einer zweiten Revolution. Er verfügte über Macht und verfolgte Ziele, die nicht in Hitlers Konzept passten. Hitler wollte ohne einen weiteren gewaltsamen Umsturz die mit dem Amt des Reichskanzlers und der Ausschaltung des Reichstages bereits erlangte Machtfülle durch „Evolution“, nicht durch „Revolution“, weiter ausbauen. Auch hielt er Röhms Wunsch, die Reichswehr in der SA aufgehen zu lassen, für utopisch. Er brauchte für die Verwirklichung seiner Pläne eine schlagkräftige, hochgerüstete Wehrmacht und nicht einen riesigen Heerhaufen von Milizionären. Röhm war für Hitler ein gefährlich mächtiger Rivale mit irrealen, zum Teil sozialrevolutionären Zielen. Er musste beseitigt werden.

Im Mai 1934 startete Goebbels eine Kampagne, in der die gelenkte Presse immer wieder Warnungen an die „Unzufriedenen“ im Lande richtete. Die Nationalsozialisten drohten jedem, „der es wagt, auch nur den leisesten Versuch einer Sabotage zu unternehmen“. Planmäßig wurden Gerüchte über eine bevorstehende Revolte ausgestreut. Heute weiß man, dass es für die lancierten Meldungen keinen realen Hintergrund gab, vielmehr wollte man einfach „die Szene für Röhms Abgang herrichten“ (Joachim Fest).

Nicht nur in den Reihen der SA gab es für Hitler unbequeme Widersacher. Seine Ernennung zum Reichskanzler 1933 war nur dadurch möglich gewesen, dass er eine Koalition mit konservativen Kreisen eingegangen war. Diese hatten gehofft, durch ihren Einfluss in der Regierung eigene Ziele durchsetzen zu können. Franz von Papen, der aus der Zentrums-Partei kam und Vizekanzler wurde, soll 1933 gesagt haben : „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“

Mitten in die gespannte Atmosphäre des Frühsommers 1934 platzte eine Rede, die Papen am 17.Juni vor dem Universitätsbund in Marburg hielt. Er wollte Rechenschaft ablegen über die in den ersten anderthalb Jahren Amtszeit geleistete Arbeit der Regierung. Er übte deutliche Kritik an vielen Maßnahmen. Vor allem beanstandete er die Zensur der Presse, das Monopol der NSDAP und die Atmosphäre des Zwangs. „Verwerflich aber wäre der Glaube, ein Volk gar mit Terror einen zu können“, sagte er auf dem Höhepunkt seiner Rede.

Genau dieser Terror, vor dem er warnte, setzte nun ein. Wenige Stunden nach der Marburger Veranstaltung erschienen Beamte der Gestapo in der Druckerei, die den Redetext vorab gedruckt hatte, und beschlagnahmten die dort lagernden Exemplare. Auch die auszugsweise Veröffentlichung des Textes in der Presse wurde verboten, eine ursprünglich geplante Rundfunkübertragung untersagt. Es gab erste Verhaftungen von Personen, die schon vor der Beschlagnahmung in den Besitz des Textes gelangt waren. Und Papens Freund Edgar Julius Jung, der die Rede entworfen hatte, wurde von der Gestapo gesucht und am 29.Juni verhaftet, als er nach Tagen der Flucht noch einmal kurz seine Wohnung aufsuchen wollte. Am 1.Juli fand man seine Leiche in einem Chausseegraben bei Oranienburg. Außerdem wurde die von Himmler, dem Reichsführer der SS, und Heydrich, dem Chef des Sicherheitsdienstes, in Berlin bereits vorbereitete Liste der unliebsamen SA-Führer auf Betreiben Görings auch auf die „Unzufriedenen“ bei den Konservativen ausgeweitet.

Am 30.Juni um 5 Uhr früh fuhr Hitler mit einem Trupp von SS-Leuten bei der Pension Hanslbauer in Bad Wiessee vor, wohin er die SA-Führer zu einer Besprechung bestellt hatte. Die SS-Schergen rissen die noch schlafenden Männer aus den Betten, Hitler persönlich verhaftete Ernst Röhm. Die angeblichen Putschisten wurden in die Haftanstalt Stadelheim abtransportiert. Sechs von ihnen ließ Hitler dort gleich erschießen. Röhm wurde aufgefordert, sich selbst zu töten. Als er sich weigerte, ließ Hitler auch ihn am nächsten Tag exekutieren.

Zur gleichen Zeit lief auch in Berlin eine „Säuberungsaktion“ an. SS-Männer schwärmten aus und meldeten bei Göring : „Nummer soundso ist jetzt weg“, oder: „Nummer soundso kommt gleich dran.“ Die meisten Erschießungen fanden in den Kellern der SS-Kaserne in Berlin-Lichterfelde oder des Gestapo-Gebäudes in der Berliner Prinz-AlbrechtStraße statt (am Ort der weiterhin unvollendeten Gedenkstätte „Topographie des Terrors“. Papens Sekretär Fritz-Guenther von Tschirschky war Zeuge, als ein Hauptsturmführer mit der noch rauchenden Pistole in der Hand von einer „Hinrichtung“ kam und vor sich hin sagte: „Das Schwein wäre erledigt.“

Es kam auch zu Erschießungen gleich bei der Festnahme. In die Wohnung des Generals Kurt von Schleicher drangen trotz Protestes der Köchin zwei Männer ein und erschossen den am Schreibtisch sitzenden Ex-Kanzler. Auch seine Frau, die sich im gleichen Zimmer aufhielt, wurde getötet. Ein ganzer Trupp von SS-Leuten stürmte in Papens Vizekanzlei und erschoss dort den Leiter der Pressestelle Herbert von Bose. Eine Liste verzeichnet die Namen von 83 Opfern, Experten schätzen die Zahl der Getöteten jedoch auf 150 bis 200.

Danach hatte Hitler die Stirn, sich in einer Reichstagsrede ausdrücklich zu den Erschießungen zu bekennen. Er habe die Tötungen ohne Gerichtsverfahren angeordnet, weil er „verantwortlich war für das Schicksal der deutschen Nation“. Auch ließ er einen Tag nach Beendigung der Aktion ein Gesetz verkünden, das besagte, dass die ergriffenen Maßnahmen der „Niederschlagung hoch- und landesverräterrischer Angriffe“ gedient hatten und „als Staatsnotwehr rechtens“ waren.

Nach den Erschießungen trat Franz von Papen von seinem Amt als Vizekanzler zurück. In seiner nach dem Krieg veröffentlichten Autobiografie schrieb er: „Zum ersten Mal hatte man damals das Gefühl, das in den späteren Jahren des Dritten Reiches kein ungewohntes mehr war, man stehe einem verbrecherischen Geschehen völlig wehrlos gegenüber.“ Von jetzt an regierte der Terror in Deutschland. Keiner wagte es noch, offene Kritik am Regime zu üben. Hitler war der unangefochtene, gefürchtete Herrscher über das Deutsche Reich. Widerstand gab es höchstens noch im Geheimen von denen, die bereit waren, ihr Leben zu riskieren.

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