Kultur : Die Falschmünzer

Bookerpreisträger Peter Carey hat mit „Liebe“ eine rasante Kunstbetriebssatire geschrieben

Christoph Schröder

Wer das „droit moral“ hat, hat nach französischem Recht die Macht. Er bestimmt, was mit dem Nachlass eines Künstlers geschehen darf und was nicht. Und das bedeutet auch: Wer das „droit moral“ ausübt, bestimmt auch, ob es sich bei einem Kunstwerk um ein Original handelt. Oder eben nicht. So viel zur Vorgeschichte von Peter Careys neuem Roman „Liebe“. Die wahre Geschichte beginnt anders und viel spektakulärer. In einer Sturmnacht steht mitten in der australischen Pampa eine schöne blonde Frau mit Mandelaugen vor Michael „Butcher“ Boone und fragt nach dem Weg. Ihre Manolo Blahniks versinken im Schlamm. Marlene, so heißt die junge Frau, ist die Gattin von Olivier Leibovitz, dessen Mutter wiederum mit Jacques Leibovitz verheiratet war, einem verstorbenen kubistischen Maler, dessen Werke mittlerweile unbezahlbar sind. Olivier verfügt über das „droit moral“; Marlene weiß, was das bedeutet, und nach ihrer Begegnung mit Boone kommt eine rasante Jagd ins Rollen.

Der Australier Peter Carey hat seine Diebesgeschichte in die späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre gelegt; sein Protagonist Michael dürfte exakt genauso alt sein wie er selbst, ein Spiel mit der Fiktion, das Carey sich gern erlaubt. Und auch Michael ist Künstler, ein Maler; seine Bilder erzielten zu Beginn seiner Karriere Höchstpreise; Michael war ein Star, bis er nach einer schmutzigen Scheidung nicht nur all seine Bilder abtreten musste, sondern auch im Gefängnis landete. Nun sitzt er in New South Wales, im Hause eines ehemaligen Gönners, und versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen.

„Liebe“ ist wechselweise aus zwei Perspektiven erzählt. Die eine Erzählstimme gehört Michael, die andere dessen Bruder Hugh, den man als geistig minderbemittelt charakterisieren könnte – ein Hüne, der ungepflegt durch die Welt läuft, zur Gewalttätigkeit neigt und stets einen Stuhl mit sich führt, auf dem er sich niederlassen kann. Das Clevere an dieser Konstruktion ist, dass Carey sowohl den neurotischen Michael als auch den Kunstbetrieb aus dem Blickwinkel von Hugh wunderbar vorführen kann. Hugh ist nicht dumm, sondern nur anders und dazu entlarvend offen. Und wie sein Bruder ist er heftigst in Marlene verknallt.

In New South Wales, in der ödesten aller Einöden, verschwindet ein Bild, ein vermeintlich echter Leibovitz. Das und die sich anbahnende Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Michael, Hugh und Marlene sind die Ausgangspunkte für eine wilde Jagd quer durch die Welt, von Australien über Japan bis nach New York. Wer da wen ködert und beherrscht; wer welche Ziele verfolgt, wer wen übers Ohr haut – das bleibt bis zum Ende offen. Ist Marlene eine Betrügerin? Eine Fälscherin? Eine Diebin? Das versucht nicht nur Michael, sondern auch ein kurioser Kunstpolizist herauszufinden. Und der ohnehin unkontrollierbare Hugh wird spätestens zum sozialen Risiko, als Marlenes Mann auf der Bildfläche auftaucht und Hugh für seine Zwecke einspannt.

Peter Careys Sprache treibt den Roman schnell nach vorn, von einem Schauplatz zum nächsten, von einer Wendung zur anderen. „Liebe“ ist ein witziger, kluger und unterhaltsamer Roman, der von moralischer Verdorbenheit und im wahrsten Sinne des Wortes blinder Leidenschaft erzählt. Carey ist in seiner Heimat Australien berühmt und neben Nobelpreisträger J.M. Coetzee der einzige, der zweimal den britischen Booker Prize gewonnen hat. Es wird Zeit, dass Carey auch in Deutschland die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

Peter Carey: Liebe. Eine Diebesgeschichte. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, 336 Seiten, 19,90 €

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