DIE FILMKRITIK : Mobilmachung ohne Mobiltelefon

"Der Mann, der niemals lebte" ist die erste umfassende Anwendung des klassischen Spionagethrillers auf den neuen Frontverlauf: Statt im Nebel des Kalten Krieges stochern die Agenten im Sand der arabischen Wüste herum.

Zwei Agenten machen Jagd auf einen unsichtbaren Terrorfürsten. Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) spricht fließend Arabisch und bewegt sich kenntnisreich als Undercover-Agent in den Ländern des Nahen Ostens. Chef Ed Hoffmann (Russel Crowe) im fernen Washington dirigiert seinen Agenten übers Handy. Er interessiert sich nicht fürs „Lokalkolorit“, lässt Ferris zudem gern im Dunkeln über seine Pläne – und riskiert damit das Leben seines Agenten ebenso wie die sensible Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten am Ort.

Mit Filmen wie „The Kingdom“ oder „Rendition“ hat das US-Kino den Antiterrorkampf für sich entdeckt. „Der Mann, der niemals lebte“ ist nun die erste umfassende Anwendung des klassischen Spionagethrillers auf den neuen Frontverlauf: Statt im Nebel des Kalten Krieges stochern die Agenten im Sand der arabischen Wüste herum. Ansonsten bleibt vieles – von der Handlungs mechanik bis zur Moral. Erstens: Traue niemandem. Zweitens: Wer seine Haut riskiert, ist am Ende der Dumme.

Dabei wäre hier so viel mehr möglich gewesen. „Unser Feind hat erkannt, dass wir aus der Zukunft kommen“, sagt Hoffmann – also benutzen die Terroristen keine Handys. Beim CIA erzeugt das Unsicherheit: Sie sind zwar überlegen, haben aber keinen technischen Zugriff auf den Feind. Asymmetrische Kriegsführung: Das wäre ein gutes Umfeld, um dem Spionagethriller frisches Adrenalin beizugeben.

Stattdessen: ein wuchtiges, aber aufregungs armes Stück Genrekino, das sehr viel weniger komplex ist, als es zu sein vorgibt, und dessen Routine allenfalls von Hauptdarstellern in Hochform hätte aufgewogen werden können. Doch zwischen DiCaprio und Crowe zündet kaum ein Funke – und das liegt nicht nur daran, dass sie meist bloß telefonieren.

Russell Crowe gibt einen dieser amerikanischen Falken, die Menschenrechte in Kriegszeiten für sentimental halten. Er müht sich so sehr, Stereotypen zu vermeiden, dass ihm seine Rolle entgleitet. Leonardo DiCaprio ist schlicht fehlbesetzt: Selbst mit ungepflegter Gesichtsbehaarung nimmt man diesem Buttergesicht den Helden einfach nicht ab. Sebastian Handke

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