Kultur : Die Fliege im Pissoir

Zwischen Berlin und Balkan: Erste Schritte in Richtung Hölle / Von Georgi Gospodinov

In einer deutschen Toilette, einer Herrentoilette, versteht sich, sahen die Pissoirs folgendermaßen aus: auf Hochglanz geschrubbt, das ist klar, jedoch in der Mitte eines jeden jeweils eine Fliege. Im ersten Moment wendet man sich angeekelt ab, dann aber sieht man, dass die Fliege nur aufgemalt ist. Vollkommener Realismus. Diese Fliege erfüllt dort zumindest zwei Funktionen. Erstens: Mit ihrer völligen Deplatziertheit unterstreicht sie nur noch die ganze Antiseptik der deutschen Toilette, und im Speziellen die des Pissoirs.

Die zweite Funktion – interessehalber erkundigte ich mich – ist rein pragmatischer Natur. Der Mann vor dem Pissoir muss irgendein Objekt haben, auf das er zielen kann. Die Fliege ist eine gute Zielscheibe, ein Reizkörper – ein Ziel, das der Mann unbewusst treffen will. Und mittels des simplen dualen Systems „Zielscheibe – Treffen der Zielscheibe“ wird die Wahrscheinlichkeit eines zerstreuten Schusses neben das Pissoir um ein Vielfaches kleiner. So wird gleichzeitig die Fliege getroffen, die Toilette bleibt sauber, und der Mann ist befriedigt.

All das kann nur in einer deutschen Toilette passieren, wo die Fliege aufgemalt ist. Und wenn wir in einer Toilette auf dem Balkan sind?! (Hier nennt man sie Klosett – und richtig so!) Erstens, die Fliegen sind mehr als nur eine. Zweitens, sie sind lebendig. Und drittens, sie bleiben nicht an einem Ort.

An dieser Stelle unterbrechen wir die Geschichte, weil es den empfindlichen Lesern schlecht wird, die Damen sich übergangen fühlen und die Analogien sich in Allegorien verwandeln. Man kann einfach keine Geschichte mehr erzählen, ohne jemanden zu kränken.

Wahrscheinlich, um noch einmal von vorn anzufangen, zog er auf eine einsame Insel und erschoss sich. (Robert Coover, „Von den Anfängen der Brunisten“)

Meine ersten Kenntnisse über das Jenseits erwarb ich auf dem Land, und zwar im Klo. Ein warmer und einsamer Ort ganz am Ende des Hofs, schattig und isoliert vom geschäftigen Treiben der Welt.

Durch das Loch des Klosetts starrend sah ich eines Tages den Tartaros. Von hier, durch diese finstere Öffnung, führte der Weg nach unten, hinab ins Gewimmel, ins Höllenfeuer. Und wie langsam die großen, grünen Fliegen durch die Luft schwirrten, diese Luzifers aus dem Jenseits, sie blitzten für einen Augenblick im Licht auf, dann stürzten sie sich in die Tiefe. Oben, durch die Dachziegel, die sich bereits gelichtet hatten, und durch die schweren Spinnennetze, konnte man den Himmel sehen, und unten, genau unter mir, brodelte die Hölle. Der Tod erklärte sich ganz von selbst. Der Himmel holte die Seelen durch die Zwischenräume zwischen den Ziegeln, die Körper hingegen plumpsten hinab in den Tartaros. Das war die Natur des Jenseits.

Ich saß über dem Loch und verspürte keinen Ekel. Ich war wie vom Donner gerührt von der Erleuchtung, dass der Tartaros, wo wir meiner Großmutter zufolge eines Tages alle landen würden, sich ganz in der Nähe befand, nämlich im Hof, gleich neben dem Haus.

Und jeden Tag gingen wir dorthin.

Von klein auf wurden wir mit den Geheimnissen des Schriftstellerhandwerks gefüttert, und der natürliche Ort, an dem dies zum ersten Mal zu geschehen hatte, schien der Schnellimbiss des Viertels zu sein, wo uns mein Vater jeden Morgen Kuttelsuppe und Limonade bestellte. Die Tische – quadratisch die Wachstücher – voller Brandlöcher die Theke – fettig, und die Fenster – angelaufen vom Dampf der heißen Suppe, die alle durch lautstarkes Pusten abzukühlen versuchten und mit viel Essig und Knoblauch schlürften. Und dort an der Wand, auf einem blauen Schild aus Plexiglas, las ich zum ersten Mal: „Schriftsteller sind Chirurgen der menschlichen Seele. Sie müssen alles Verfaulte und Verweste aus ihr herausschneiden.“ Was wollte uns dieses Schild ausgerechnet hier sagen? Ich syllabierte es jedesmal, während ich meine Suppe schlürfte. Ein Löffel für die „Chirurgen“, einer für das „Verfaulte“, noch einer für das „Verweste“ ...

Einen merkwürdigen Geschmack hatte diese Suppe.

„Carmen“ und „Eine kleine Nachtmusik“ hörten wir zum ersten Mal an der Tür einer Mitschülerin, und zwar dargeboten von der elektrischen Türglocke, die ihr Vater, von Beruf Lastwagenfahrer, aus dem Ausland mitgebracht hatte. Wir waren in den unteren Klassen der Grundschule und wahnsinnig neidisch auf unsere Mitschülerin und ihren Vater. Ausland, das war für uns ein eigener Staat, so wie Frankreich oder Italien, bloß noch viel verlockender. Nur dort gab es solche elektrischen Türglocken, Kaugummizigaretten und Schokoladentafeln so lang wie ein Ellenbogen. Unsere Eltern erklärten, dass sie dafür im Ausland nicht unsere Natur und unseren Joghurt hätten. Aber uns schmeckten die Natur und der Joghurt nicht.

Den Eiffelturm sahen wir zum ersten Mal in Form eines Souvenirs mit einem kleinen Thermometer an der Seite, und deshalb fanden wir den Witz über jene Bulgaren, die bei ihrem ersten Parisbesuch lange um den echten Eiffelturm herumgingen und nach dem Thermometer suchten, auch nicht komisch.

Wir akzeptierten die venezianischen Gondeln als Nachttischlampen mit Melodie und die Akropolis als Porzellanaschenbecher nur für Gäste. Alle besaßen eine „Mona Lisa“ im Schlafzimmer, „Das letzte Abendmahl“ im Wohnzimmer und ein Stillleben mit Früchten und halbierten Melonen in der Küche.Ein goldenes Zeitalter für unsere Allgemeinbildung.

Deshalb umarmten wir später Baudrillard mit seinen „Simulacres et Simulation“ auch so voller Hingabe. Es gab keinen Grund mehr, zum Eiffelturm nach Paris zu fahren – nichts als eine weitere Kopie, nur ohne Thermometer.

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann.

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