Kultur : Die Fotografie braucht das Drama

Der Ungarn-Aufstand vor 50 Jahren war ein Großereignis der Bildreportage. Erich Lessing war dabei.

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Herr Lessing, Sie sind ein Magnum-Fotograf der ersten Generation. Nach 1945 haben Sie Bilder aus dem zerstörten Europa aufgenommen, eine legendäre Serie über den österreichischen Staatsvertrag gemacht und 1956 die vermutlich bekannteste Bildreportage vom ungarischen Volksaufstand angefertigt. Warum haben diese eindringlichen Dokumente von Hoffnung, Zerstörung und Widerstand die Welt nicht ein Stück menschlicher gemacht?

Nun, das ist natürlich vereinfachend. Aber meine Generation war vielleicht tatsächlich ein wenig in der Illusion gefangen, Mitspieler im großen Weltgeschehen zu sein. Wir haben geglaubt, dass die Reportage im Zweiten Weltkrieg etwas bewirkt hätte.

Hat sie das nicht?

Zum Teil. Da war das Bild von Joe Rosenthal von Iwo Jima, das amerikanische Soldaten beim Hissen der Stars and Stripes zeigte. Dieses Foto war sicherlich sehr wichtig für die Art, diesen Krieg zu sehen. Aber auch die Bilder von Bergen-Belsen und der Befreiung des Lagers durch die Engländer haben großen Eindruck hinterlassen – bis heute.

Sie fingen erst nach dem Krieg zu fotografieren an. Fehlte es Ihnen an visuellen Ereignissen?

Genau. In den ersten Jahren des Kalten Krieges ist eigentlich nichts geschehen. Und Fotografie lebt vom Drama. Die meisten Ereignisse spielten sich auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene ab. Da war Budapest 1956 das erste große Ereignis, das bildlich auch wieder zu transportieren war.

Zwei Jahre zuvor war der erste Indochinakrieg zu Ende gegangen, der zweite sollte bald folgen. Der Vietnamkrieg war wie kaum einer zuvor vom Bild geprägt.

Ja, in Vietnam hat die Fotografie vielleicht tatsächlich zum ersten und einzigen Mal bewirkt, dass ein Staat seine politische Strategie ändert. Denn die Bilder vom Massacker in My Lai waren ein Schock für das öffentliche Bewusstsein. In Budapest war das nicht so. Im Gegenteil: Budapest hat gezeigt, dass die öffentliche Meinung keinen Einfluss hat.

Sie waren damals schon Wochen vor dem Aufstand in Ungarn. Wie haben Sie das vorrevolutionäre Budapest erlebt?

Ich habe damals gemerkt, dass die Fotografie ohne den Text ein extrem schwaches Medium ist. Oberflächlich betrachtet, glich das tägliche Leben in Budapest einer nicht sehr reichen, aber auch nicht verarmten Stadt. In den Kaffeehäusern der Donau gab es Five-o-Clock-Tea. Das, was an Unfreiheit und fehlender politischer Partizipation vorhanden war, das sah man nicht, sondern konnte allenfalls in Texten beschrieben werden. Unter der Oberfläche brodelte es.

Am Abend des 23. Oktober stürzen Demonstranten plötzlich das Stalin-Monument im Stadtpark.

Ein sonderbares Phänomen. Ein kluger Kopf hat einmal behauptet, dass es ein Unglück für den Kommunismus gewesen sei, in Russland ausgebrochen zu sein – in einer Gesellschaft, in der Symbole vermutlich wichtiger sind als Realität.

Diese Symbole tauchen auf vielen Ihrer Bilder auf. Sie zeigen Liebespaare vor Stalin- Monumenten in Warschau und Budapest. Der stalinistische Heroismus schien vollkommen entmenschlicht.

Ja. So gesehen war es sicherlich konsequent, dass zunächst die Symbole der Unterdrückung gestürzt wurden. Aber es hatte etwas Groteskes: Noch bevor es darum ging, die Macht zu festigen, machte man sich daran, die Symbole zu lockern. Das Absurdeste, was ich damals erlebte, war ein Schildermaler. Mitten in den Schießereien ging der ganz seelenruhig umher, klappte seinen Malkasten auf und pinselte auf jedes eroberte Geschütz das Kossuth-Wappen.

....das Zeichen der ungarischen Revolution von 1848.

So was ist nur mit der Macht der Symbole zu erklären.

Zwei Jahre vor Ihrer Reportagereise nach Ungarn ist ihr Kollege Robert Capa bei einem Bericht über den Indochinakrieg ums Leben gekommen. Einen Monat nach Budapest starb David Seymour während einer Reportage über die Suezkrise. Haben Sie nie Angst empfunden – insbesondere, als die Sowjets Anfang November zurück in die Stadt kamen?

Wenn Sie arbeiten, bleibt keine Zeit, Angst zu haben. Da gab es diese skurrile Geschichte: Ich fahre zusammen mit einem Kollegen durch Budapest. Er sitzt neben mir, und ich chauffiere. Plötzlich geraten wir in einen Straßenkampf hinein. Als ich auf eine Hauptstraße biege, kommt uns ein Panzer entgegen. Voller Schrecken biege ich also in die nächste Seitenstraße ein, und da ruft dieser Kollege plötzlich aufgeregt: „Nein, nicht! Das ist eine Einbahnstraße!“ Verstehen Sie? Es gelten plötzlich andere Regeln. Der Kollege mochte es mir verübeln, aber ich bin dann trotzdem in die Einbahnstraße gefahren.

Wussten Sie, an wen Sie sich in diesem Durcheinander halten konnten?

Da gabe es die verschiedensten Gruppierungen. Eine sehr rechte um Gergely Pongrátz. In der Kilián-Kaserne saßen die Stalinisten unter Oberst Pál Maléter. Dann formierten sich die Reformkommunisten um Imre Nagy. Etwas außerhalb der Innenstadt hatten sich Konservative versammelt, die an der Gründung einer katholischen Partei arbeiteten. Selbst das Militär agierte nicht einheitlich. Es war ein Chaos. Das war ja auch mit ein Grund dafür, dass das so schnell zusammenbrach. Es gab zu viele Revolutionen.

Wie kommt man in einer solchen Situation an Informationen?

Das läuft per Zuruf. Die meisten Journalisten waren im Duna-Hotel untergebracht. Und da kam dann immer mal wieder einer rein und sagte: „Kommt alle geschwind, in der Innenstadt wird geschossen!“ Na, da haben halt alle das Essen stehenlassen. Am nächsten Tag kam ein anderer – übrigens interessanterweise immer zur Mittagszeit – und sagte: „Kardinal Mindszenty ist aus der Haft entlassen worden.“ Also sind wieder alle aufgesprungen.

Die Bilder, die Sie dann von diesen Ereignissen im Westen veröffentlichen konnten, gelten bis heute als klassische Dokumente des Magnum-Stils . Was macht den ungebrochenen Ruhm dieser Fotoagentur aus?

Magnum war ein Vorreiter in vielerlei Hinsicht: im Kampf für die Unabhängigkeit der Fotografie, im ästhetischen Ausdruck und in der Qualität. Wichtig war, dass Henri Cartier-Bresson, Capa oder Ernst Haas sich stilistisch vollkommen unterschiedlich verhielten. Heute sind diese Bildsprachen vermutlich nicht mehr entwicklungsfähig – schon weil die großen Magazine nicht mehr da sind. Mit dem Tod Henris kann man vom Abschluss einer klassischen Generation sprechen. Wir leben am Ende einer Periode.

Das Gespräch führte Ralf Hanselle. Das Willy-Brandt-Haus zeigt bis 14. Januar Lessings Ungarn-Bilder, die zudem gerade im Wiener Brandstätter Verlag unter dem Titel „Budapest 1956 – Die ungarische Revolution“ erschienen sind.

Erich Lessing , 1923 in Wien geboren, floh mit 15 nach Palästina. Nach dem Krieg begann er in Österreich eine Karriere als Fotoreporter („Life“, „Quick“). Seit 1951 ist er bei Magnum.

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