Kultur : Die Gärtner von New York

Berlins Philharmoniker spielen in der Carnegie Hall zugunsten der American Academy

Christoph Marschall

Gärtner denken langfristig. Liebende können viel verzeihen. Und Musik vermag fast alles, öffnet Herzen und Portemonnaies. Mehr als elf Jahre sind vergangen seit der Gründung der American Academy Berlin. Und acht, seit die ersten Fellows aus Amerika in der ehemaligen Villa der jüdischen Bankerfamilie Arnhold am Wannsee einzogen. Mehr als 200 sind es geworden: Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler. Nun lud die Academy zum ersten Fundraising-Abend in New York – um ihren Unterstützern zu danken, den Kreis der Sponsoren zu erweitern und noch mehr Kulturbotschafter aus den USA nach Berlin holen zu können.

Trocken lässt das Scharoun-Ensemble der Berliner Philharmoniker die Pizzikati des Streichquartetts „From Amber Frozen“ durch die Carnegie Hall hüpfen, der 29-jährige Mason Bates hat es 2005 als Stipendiat in Berlin komponiert. Die Abfolge rhythmischer, melodischer und wieder rhythmischer Passagen beschreibe den Lebensbogen der Natur, erklärt er. Er habe in Bernstein eingeschlossene Tiere vor Augen gehabt. Erhaben schweben Fagott- und Hornklänge aus Beethovens Septett E-Dur durch den Saal.

Der Abend führt Gutbetuchte zusammen, denen das deutsch-amerikanische Verhältnis am Herzen liegt – jetzt erst recht, wo „dieser Präsident so viel kaputtmacht“, wie eine großherzige New Yorker Gönnerin der Academy in Berlin sagt. Eine kleine Umfrage beim Dinner, welcher Begriff die Beziehungen derzeit am besten treffe, offenbart Ratlosigkeit. Von „partnership in leadership“, wie sie Präsident George Bush senior 1989 Kanzler Helmut Kohl anbot, redet seit dem Streit um Irak und um die richtigen Methoden im Kampf gegen den Terror niemand mehr in den USA. Angela Merkel hat es kürzlich im Weißen Haus probiert, George W. Bush, der Sohn, hat nicht darauf reagiert. „Partnerschaft“ allein ist zu wenig, „das gilt schon für die Beziehung zu Putins Russland“, rümpft ein amerikanischer Geschäftsmann die Nase. „Freundschaft“, schlägt ein hoher deutscher Diplomat vor, auch wenn das nicht die ganze Breite der Beziehungen erfasse; anderen ist dieses Wort schon wieder zu herzlich. „Interessengemeinschaft klingt technisch-kalt. „Wertegemeinschaft“ ist schwierig angesichts des Streits um Guantanamo und CIA-Flüge.

Henry Kissinger wüsste vielleicht Rat, aber der kuriert einen Schulterbruch aus und ist im Grußwort mehr auf Euphorie eingestimmt. „Ein Traum ist wahr geworden: Deutschlands erste transatlantische Institution der Ära nach dem Kalten Krieg.“ Am Tag nach dem US-Abzug aus Berlin 1994 war sie auf Initiative des damaligen US-Botschafters Richard Holbrooke gegründet worden, um zu verhindern, dass „nichts bleibt“ von den Jahrzehnten, in denen aus Kriegsgegnern Verbündete geworden waren. Stephen und Anna-Maria Kellen, die vor den Nazis aus Berlin fliehen mussten und als Investmentbanker in New York reich wurden, gaben die Villa am Wannsee, in der sie als Kind gelebt hatte. Schon seit vielen Jahren spenden sie Millionen für Berlin, auch für die Philharmoniker. Die Liebe zu dieser Stadt hat alle Bitternis und Enttäuschungen überlebt.

In der Dinner-Rede preist Simon Rattle „die amerikanische Philanthropie: Wer von diesem Land so viel bekommen hat, gibt viel zurück.“ 456 000 Dollar sind es an diesem Abend. Die Kultur- Gärtner von New York und vom Wannsee denken in längeren Fristen als Regierungen. Die richtigen Begriffe werden sich schon wieder finden.

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