Kultur : Die Geburt des Tones aus der Stille: Klavierspiel wie noch nie zuvor gehört

Isabel Herzfeld

"Am Klavier sitzend fing er an, wunderbare Regionen zu enthüllen. Wir werden in immer zauberischere Kreise hineingezogen. Es schien, als vereinige er, als Strom dahinbrausend, alle die verschiedenen Stimmen wie zu einem Wasserfall, über die dahinstürzenden Wogen den friedlichen Regenbogen tragend." Das schrieb Robert Schumann über den jungen Johannes Brahms, und genauso spielt Radu Lupu dessen himmelstürmende f-moll-Sonate. Sein Brahms der Überraschungen und unbegrenzten Möglichkeiten reißt uns ebenso in den Strudel des "Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt", wie er das Rütteln dieser Sonate an ihren eigenen Gesetzen, ihr Übererfüllen und Übertreffen-Wollen, enthüllt. Dazu dient ihm eine Anschlagskunst, die alle früheren Manierismen abgestreift hat wie eine hinderliche Haut, der unendlichen Palette der Pianissimo-Nuancen jetzt wieder den eisernen Forte-Zugriff hinzufügt.

Oft setzt er ihn nicht ein, denn eigentlich braucht Lupu gar kein Forte, weil der Klang wie von selbst aufblüht, weich und rund und immer noch steigerungsfähig. Es ist diese nachlauschende Gewichtung des einzelnen Tones, hervorgegangen aus einem unendlich fließenden Zeitgefühl, die Lupu seine Entdeckungen machen lässt. Da werden nie zuvor gehörte Bass- und Mittelstimmen lebendig, ein geheimer Kommentar zur erklärten Absicht etwa dann, wenn sie den Himmelstraum des Andantes fahl abbröckelnd unterlaufen oder das Finalthema rücksichtslos verdrängen.

Dabei wird er niemals pathetisch-sentimental: wieviel Walzer-Witz enthält plötzlich das grimmig dreinschlagende Scherzo, wie skurril geben die sich aufschaukelnden Finalrhythmen ein getreues Abbild des E.T.A.-Hoffmannschen Kapellmeisters Kreisler, dessen Seele bekanntlich auf einem Notenschlüssel zum Fenster hinausfuhr!

Lupu verfügt über die verführerischsten Farben, doch geht es nie um sinnlichen Wohllaut. Janáceks Klavierzyklus "Im Nebel" entsteht wie aus dem Nichts als Panorama intimer Stimmungen, deren Traumverlorenheit immer wieder abrupt zerbricht. Die figurative Genauigkeit, zu welcher Lupu sonst fähig ist, opfert er hier aggressiven Klangzusammenballungen. Auch Chopins f-moll-Fantasie geht nicht den gewohnten heroischen Weg, lässt vielmehr flüchtig und ungreifbar die überraschendsten thematischen Verbindungen aufblitzen und findet zum Schluss doch zum hymnischen Überschwang. Vollends die sechs "Moments musicaux" von Schubert werden zur Meditation pur; da spielt nicht mehr der Pianist, sondern die Musik dringt aus ihm, frei, natürlich, den Ton aus Stille und Unendlichkeit herauslösend.

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