Kultur : Die Gegenwart der Zukunft

Der Engländer Keith Tyson produziert Kunstwerke mit einem „Teleological Accelerator“

Ronald Berg

Man könnte Keith Tysons „Teleological Accelerator“, teleologischer Beschleuniger, mit Phrasendreschmaschine übersetzen. Dem Werk des letztjährigen Turner-Prize-Gewinners würde man damit allerdings nur ansatzweise gerecht werden. Denn mit enormem Aufwand erhöht er das künstlich erzeugte Geschwafel und setzt es in handfeste Objekte um. Gezeichnete Vorstudien hängen in der Galerie Arndt & Partner an der Wand. Und schon diese „studio wall drawings“ (15 000 Euro) treiben die Erwartungen gewaltig in die Höhe: „I expect to see the beauty of the world“, ich erwarte, die Schönheit der Welt zu sehen, kann man hier lesen.

Das Prinzip seines „Teleologischen Beschleunigers“ erinnert an Glücksräder. Es basiert auf dem Zufall oder – wenn man wie Tyson daran glaubt – auf dem Schicksal. Denn die Zukunft sei in der Gegenwart bereits angelegt, formuliert Tyson auf einer seiner Skizzen. Mit dem „Teleological Accelerator“ (110 000 Euro) lässt sich für ihn der Fortschritt beschleunigen.

Das Gerät verfügt über einige tausend Begriffe und Namen aus allen Wissensgebieten, die in Kategorien wie Ästhetik, Architektur oder Theorie geordnet sind. Mit beweglichen Zeigern wählt Tyson fünf Worte aus diesem Pool der Begriffe aus. Ob ihn bei der Bedienung der Zufall steuert, ob er bewusst oder unbewusst agiert, bleibt offen. Das gefundene Quintett wird anschließend zu einem Diagramm gestaltet. Wie bei einem Horoskop nimmt er die Vorgaben zur Grundlage seiner Interpretation. Die Stimmigkeit der Interpretation erweist sich für ihn durch deren praktische Umsetzung zum Kunstwerk. Die brusthohe Bronzeblume etwa entwickelte er aus den Begriffen „Sozialer Wandel“, „Pflanzenkunde“, „Erderwärmung“, „Homöopathie“ und „Bronzeskulptur“. Den homöopathischen Anteil hat Tyson dadurch verwirklicht, dass dem Blütenstengel Dämpfe mit unbekannten Substanzen entströmen. Der soziale Wandel werde dadurch beschleunigt, dass die Skulptur auf Kinderspielplätzen zum Einsatz kommen soll.

Ähnlich zukunftsfrohe Konzepte ergeben sich aus den fünf anderen ausgestellten Ergebnissen des „Teleological Accelerators“. Da wäre ein weiblicher Gott Schiwa, als vielarmiger Zwerg mit Spitzkopf auf einem runden Holztisch (36 000 Euro). Oder der Entwurf einer begehbaren Tunnelspirale, die einen erloschenen Vulkan auf Hawaii unter Wasser umkreist, um den weiblichen Hormonzyklus mit den Gezeiten in Beziehung zu setzen (20 000 Euro). Tyson soll einen IQ von 160 bis 170 haben. Bei etwas mehr wäre die Grenze vom Genie zum Wahnsinn überschritten. Aber vielleicht ist seine alles mit allem in Beziehung setzende Maschine auch nur ironisch gemeint ist. Kann er damit doch gerade in der Kunst das formulieren, was mangels Humor und Fantasie sonst manchmal ungedacht bleibt.

Galerie Arndt & Partner, Zimmerstraße 90-91; bis 25. Oktober, Dienstag bis

Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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