Kultur : Die Gemeinheit der Welt

KERSTIN DECKER

Der Ort liegt am Meer, mit halbgeschlossenen Augen.Menschen sind ihm egal, er ist schon lange kein Kurbad mehr.Und ganz sicher ist es hier immer ein paar Grad kälter als anderswo.Wer an den Strand kommt, friert.Der Junge läuft.Die Steine unter ihm beginnen zu rasen, irgendwann bleiben sie schwer atmend liegen.Nur die Filmmusik, unempfindlich gegen die Erschöpfung des Jungen, hält noch immer ihren harten, hitzigen Rhythmus.Das ist die Atmosphäre des Films, eine fiebrige Kälte, erfrierende Hitze.Und Bilder, die zu atmen scheinen.

Es ist keine große Geschichte, die Michael Winterbottom ("Herzen in Aufruhr", "Welcome to Sarajevo") erzählt.Eigentlich sind es sogar mehrere Geschichten - Hauptgeschichten wie die von Honda und Helen, von Helen und Martin und Nebengeschichten wie die von Smokey und Honda, Bob und Helen.Honda ist der Junge am Meer.Er kommt aus Jugoslawien, Strandgut eines fernen Krieges.Mit seiner Schwester wohnt er in den Dünen, weil die Dünen in Hastings eine Art Stadtrand sind - und wo sonst sollten Flüchtlinge wie er denn wohnen? Helen (Rachel Weisz) aber ist die schönste Friseuse von Hastings.Honda kennt sie, seit er sie mal aus Versehen vom Rad gestoßen hat.Seitdem liebt er sie, wie nur ein Vierzehnjähriger eine Friseuse lieben kann, mit aller Scheu und stillen Verzweiflung dieses Alters.Still, ja - denn Honda hat, obwohl er noch so jung ist, irgendwann herausgefunden, daß die Welt es gar nicht wert ist, daß er mit ihr redet.Schlimm genug, daß man in ihr leben muß, da braucht man sie nicht auch noch zu unterhalten.Seit diesem Tage spricht Honda mit keinem mehr, weil jeder irgendwie Welt ist, sogar seine Schwester.Man kann da so schwer differenzieren.

Michael Winterbottom hat den Kroaten Luka Petrusic für diese Rolle gefunden.Ein Jungengesicht, an dem nichts stimmt, nicht die Ohren, nicht das Kinn, nicht der Mund - aber ist Symmetrie nicht die größte aller Lügen der Welt? Und was stimmt schon in Hondas Alter? Zum Beispiel, daß dieser fremde Mann, Martin heißt er, plötzlich auftaucht und sich auch für seine Friseuse interessiert, das ist so eine typische Gemeinheit der Welt.

Alles sehen wir mit Hondas Augen.Manchmal ist Hastings eher gelb, manchmal mehr blau.Sehen ist in diesem Film eben viel wichtiger als Reden.Und Geräusche! Denn den absichtslosen Lauten der Welt kann man trauen.Hondas großer Lauschangriff auf sie hat längst begonnen, er wird einmal nicht ohne Belastungsmaterial dastehen.Früher hatte er Kinderlieder zum Einschlafen, heute hört er die lückenlose, selbstaufgenommene Tondokumentation des Liebeslebens seiner Schwester.

Das eigentliche Faszinosum des Films ist die Art, wie der 37jährige Winterbottom seine Geschichten miteinander verwebt.Alles scheint zufällig und ist im nächsten Augenblick von erschreckender Zwangsläufigkeit.Ungefähr so wie das Verlangen, von dem Hondas Schwester Smokey jeden Abend im Nachtclub singt.Oder wie Elvis Costellos Song "I want you", zu dem Martin, der lang Verschollene, Helens Freund vor fast zehn Jahren, manchmal abends eine Hure tanzen läßt.Nur für sich allein.So ist er Helen ganz nah.Es gibt nichts Erbarmungsloseres als dieses Begehren, und Winterbottom zeigt es.Wie ein fiebriger Kreis zieht es sich immer enger zusammen, bis am Ende nur noch Helen, Martin und Honda in seiner Mitte sind.

Eine Parabel über Schuld? Oder über das Erwachsenwerden? Alles das.Der Schluß mag befremden, aber er ist konsequent: selbst schuldig werden müssen, um plötzlich erwachsen zu sein.Enttäuscht werden müssen, um die Sprache (wieder) zu finden.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Hackesche Höfe, Moviemento; Olympia am Zoo (Original mit Untertiteln)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben