Kultur : Die gespaltene Geschichte Von Bernhard Schulz

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Gerhard Schröders Vater fiel in Rumänien durch die Rote Armee, Wladimir Putins älterer Bruder verhungerte in Leningrad unter deutscher Besatzung. In den Biografien der beiden Politiker spiegelt sich das Schicksal ihrer Völker. Dass der deutsche Bundeskanzler der Einladung des russischen Präsidenten zur Feier des Kriegsendes in Moskau am heutigen Montag folgt, ist mehr als außenpolitisches Kalkül. Es ist, in der dichten Folge der Gedenktage zum Ende des Zweiten Weltkriegs, auch so etwas wie der Schlussstein, der bislang fehlte. Umso mehr, als Schröders Teilnahme an den Feierlichkeiten in der Normandie vor elf Monaten eine Normalität zwischen den seit Jahrzehnten zu Verbündeten gewordenen Siegern und Besiegten unterstreichen sollte, die im Verhältnis zu Russland aussteht.

Doch es ist spiegelglattes Parkett, auf das sich Schröder in Moskau begibt. Besiegt, besetzt, befreit – das gilt für das Gastgeberland, das akzeptiert seit Richard von Weizsäckers großer Rede 1985 auch die Bundesrepublik als Bewertung des Kriegsendes. Aber das gilt nicht überall in Europa. USPräsident George W. Bush hat mit seinem Besuch in Lettland am Vorabend der Moskauer Jubelfeier demonstrativ unterstrichen, dass dort auf den braunen Terror der rote folgte. Jetzt melden sich diejenigen Staaten zu Wort, die nur Verschiebemasse im Ringen der Diktatoren sein sollten. Für die drei baltischen Staaten bedeutete der 8./9. Mai nicht Befreiung, sondern Beginn einer neuerlichen, weitere 45 Jahre andauernden Besetzung. Bushs baltischer Aufruf zur Freiheit lässt sich auch von einem verärgerten Putin nicht mit dem Gegenargument beiseite wischen, die Rote Armee habe damals „elf europäische Staaten befreit“.

Über der Moskauer Feier braut sich weltpolitisches Missbehagen zusammen. Der Aufmarsch vor den Kreml-Mauern wird inszeniert als Bekräftigung des sowjetischen Sieges von 1945 als des festen Kitts, der die vom Stalinistismus gepeinigte Gesellschaft zusammenfügte und bis heute zusammenhält. Doch dem Versuch einer symbolischen Re-Stalinisierung Russlands fährt Bush mit seiner Unterstützung des Baltikums empfindlich in die Parade. Im Mai 1945 ging nicht, wie Putin es gern sähe, ein für allemal der weltpolitische Ungeist zugrunde, noch steht die Rote Armee als ausschließlich lauterer Sieger über das Böse da.

Gewiss, dazu kann der Bundeskanzler weniger deutlich sprechen als der amerikanische Präsident. Und dennoch kann er es beim bloßen Beifall zur Moskauer Siegesparade nicht belassen. Mag Schröder mit Putin eine strategische Partnerschaft im Hier und Heute suchen, die Schatten der Vergangenheit sind lebendig, in Russland wie im Baltikum. Die Veteranen, mit denen Schröder heute auf dem Roten Platz sprechen will, werden ihn an das Leid erinnern, das der deutsche Überfall von 1941 über ihr Land gebracht hat, und den Stolz vorzeigen, das Hitler-Regime niedergerungen zu haben. Von den Millionen Toten, die der Krieg zumal in der Sowjetunion forderte, wird weniger die Rede sein, und schon gar nicht von dem Unrecht nach 1945, in den sowjetisch besetzten Staaten ebenso wie im eigenen Land.

Noch weniger ist in Russland die Rede vom Holocaust, dem eine Million jüdischer Sowjetbürger zum Opfer fiel. Der aber ist für Deutschland zum Angelpunkt des Geschichtsbildes geworden. Auschwitz überschattet für alle Zeiten die Erinnerung an den Tag der Befreiung 1945. Just die Einweihung des Berliner Holocaust-Mahnmals wurde wegen Schröders Reise um einen Tag verschoben. Man darf das bezeichnend finden für die veränderte Gewichtung von Geschichte und Gegenwart.

So führt das Moskauer Spektakel drastisch vor Augen, dass Europas Erinnerung an 1945 gespalten ist. Besiegt, besetzt, befreit – schon diese Reihenfolge ist nicht überall dieselbe. Der abschließende Gedenktag zum 8./9. Mai 1945 findet auch heute noch nicht statt. Es bleibt ein weiter Weg, bis ganz Europa ein gemeinsames Verhältnis zur Vergangenheit gewinnen wird. Und bis Schröder und Putin sich die Hand reichen können, ohne über das historische Leid Dritter hinwegzusehen.

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