Kultur : Die Grenzen der Polygamie

Bas Kast

Nein, über aktuelle Politik wolle er sich nicht äußern. Bei seiner "Mosse-Lecture" an der Berliner Humboldt-Universität (HUB) verstand sich Julian Nida-Rümelin am Donnerstag ganz als das, was er war, bevor er Anfang des Jahres zum Kulturstaatsminister berufen wurde: als Philosoph. "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" - so lautete der Titel von Nida-Rümelins Vortrag mit offenem Bezug auf Karl Poppers gleichnamiges Buch. Popper hatte darin seinen Feldzug gegen die Idealisten Platon, Hegel und Marx begonnen, die er, wie Nida-Rümelin sagte, "verantwortlich machte für fatale Entwicklungen des politischen Denkens". Damit war der Philosoph doch wieder in der Politik angekommen.

Der starke Souverän

Wie können unterschiedliche Kulturen friedlich miteinander leben? Das war die zentrale Frage. Nida-Rümelins Antwort: durch "Toleranz aus Respekt". Thomas Hobbes war von dem Kampf aller gegen alle ausgegangen, von einem Urzustand, bei dem jeder versucht, sich selbst und nur sich selbst durchzusetzen. Allein mit der Hilfe eines "starken Souveräns", wie Nida-Rümelin sagte, war der Übergang von diesem status naturalis in den status civilis möglich. "Im Interesse der Stabilität wird der Souverän gewisse Freiräume eröffnen, für den Markt, aber auch religiöse und kulturelle." Diese Toleranz aber ist dem scheinbaren Menschenfreund nichts als ein Mittel zum Machterhalt - "Toleranz aus Indifferenz", wie es Nida-Rümelin bezeichnete.

Toleranz ist auch von der anderen Seite möglich: nämlich aus Mitgefühl. "Sie setzt voraus, dass wir uns weitgehend in den Anderen hineinversetzen können", sagte Nida-Rümelin. "Das heißt: vieles gemeinsam haben." Diese "empathische Toleranz" ziele auf Gleichheit, Homogenität, Assimilation der Unterschiede. Im Grunde kann von Toleranz nicht mehr wirklich die Rede sein: Schließlich kann man ja nur der Differenz, dem Anders-Sein gegenüber tolerant sein.

Beide Toleranzformen hielt der Staatsminister für unbefriedigend und stellte ihnen ein Drittes entgegen: "Toleranz aus Respekt". Sie werde getragen durch "normativen Universalismus", Individualismus sowie die "Institutionalisierung von Kritik" (Popper). Was Nida-Rümelin damit meinte, wurde deutlich an zwei Beispielen, die er auf Publikums-Nachfrage nannte.

Grausames Ritual

Erstens: die Beschneidungspraktiken in weiten Teilen Afrikas. Hier, sagte der Staatsminister, sei klar die Grenze zu dem Respekt des anderen zu ziehen - "und das, obwohl die Praktiken lokal weitgehend akzeptierter Konsens sind". Obwohl also die Beschneidungen von der Gesellschaft, zumindest zu einem Großteil, auch akzeptiert würden - sogar von den beschnittenen Müttern selbst, die ihre Töchter üblicherweise während des grausamen Rituals begleiteten, handele es sich um eine Menschenrechtsverletzung, bei der für ihn die Grenze der Toleranz erreicht sei.

Anders bei der Polygamie: Käme ein arabischer Mann mit seinen Frauen nach Deutschland, würde nur eine seiner Frauen als Ehefrau akzeptiert. "Hier geht der Druck zu weit", sagte Nida-Rümelin, weil die Vielweiberei "zumindest nicht zwingend mit Menschenrechten kollidiert." Es sei ihm jedoch auch klar, dass nicht jeder oder jede dieser Auffassung sei. "Respekt aus Toleranz" - eine Utopie? Nida-Rümelin gab sich optimistisch: "Ich glaube, wir haben in allen Kulturtraditionen genügend Gemeinsamkeiten, um peu à peu zu einem Minimalkonsens zu gelangen."

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