Kultur : Die Grenzen des Genres

WOLF KAMPMANN

Welchen Stellenwert genießt der Jazz eigentlich am Ende des Jahrtausends im Ensemble der Künste? Burkhard Hennen schien mit der 27.Ausgabe seines Moers-Festivals eine unaufdringliche Antwort auf diese Frage finden zu wollen.Von den 28 Konzerten und Workshops, die sich um die Pfingsttage in der kleinen Stadt am Rande des Ruhrpotts ereigneten, verdiente kaum eins vorbehaltlos das Prädikat Jazz.Vielmehr ging es darum, in die Randbereiche dieses Stiles vorzudringen, Genregrenzen einzureißen, Jazz als Möglichkeit vorzustellen, mit mannigfaltigem musikalischem Material umzugehen und jazzverwandte Musik anderer Kulturen zu präsentieren.

Dieses Anliegen unterschied sich nicht wesentlich von dem der letzten Jahre, doch hatte Hennen diesmal eine etwas glücklichere Hand und wußte aus ökonomischen Nöten künstlerische Tugenden zu machen.Schon das Eröffnungskonzert mit der fulminanten Big Band des amerikanischen Komponisten und Arrangeurs George Russel weckte hohe Erwartungen, die von den HipHop-Jazz-Kaskaden des Briten Courtney Pine auch prompt eingelöst wurden.Egal, ob George Clinton eine neue, fast vierstündige P-Funk-Variante anbot, bei der er selbst wie ein jahrtausendealter Fels innerhalb einer unentwegt brandenden Band agierte, ob Gianluigi Trovesi mit dem Duo Radici hochkarätige Estraden- und Caféhaus-Musik zelebrierte oder mit seinem Oktett eine Verbindung zwischen Jazz und mittelalterlicher Musik herstellte, ob die holländische Punk-Band The Ex mit den Free-Jazz-Altmeistern des ICP Orkest einen Veitstanz aufführte, der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer mit seiner Band Khmer weit in die Bereiche des Ambient entschwebte oder die David Murray Big Band sich an den Rand der Ekstase vorspielte - es setzte sich der Eindruck fest, daß Jazz wieder zu einem relevanten und vor allem massenkompatiblen Ausdrucksmittel geworden ist, solange er sich nur für Einflüsse von außen offen hält.Den nachhaltigsten Eindruck hinterließen jedoch die krassesten Außenseiter.Da war zum einen das japanische Shibuzashirazu Orchestra, das aus 52 Musikern, Performance-Künstlern, Butoh-Tänzern und Go-Go-Girls bestand und aus völlig freien Improvisationen heraus auf einen hypnotischen Power-Pop umschaltete, der eine angestrengt lauschende Masse aus dem Stand in den heißesten Dancefloor Deutschlands verwandelte.Die Japaner, selbst von der unmittelbaren Reaktion des deutschen Publikums überrascht, ließen sich dann auch während der ganzen vier Tage nicht stoppen.Sie gingen in Schulen, um dort im Musikunterricht kleine Revolten auszulösen, und gerieten ihrerseits bei anderen Projekten in Verzückung.Bei George Clintons Show waren sie, einmal gerufen, nicht mehr von der Bühne zu kriegen, und angesichts der rumänischen Fanfare Ciocarlia, den anderen Überraschungsstars des Festivals, gerieten sie am letzten Abend völlig außer Fassung.Das elfköpfige rumänische Ensemble, das von sich behauptet, die schnellste Blaskapelle der Welt zu sein, ist im wahsrten Sine des Wortes ein Dorforchester, das mit Jazz überhaupt nichts am Hut hat, dessen Musik aber von einer Dynamik und Dreistigkeit ist, die jedem Jazz-Hörer auf Anhieb die Sprache verschlagen muß.Die Musiker entwickelten einen derartigen Teamgeist, daß sie selbst den Latrinenwagen im Kollektiv aufsuchten.Es ließen sich noch viele Höhepunkte aufzählen.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren zeigte sich auch das Wetter von seiner freundlicheren Seite, so daß sich über den 50 000 Besuchern des Schloßparks eine friedliche, enspannte Atmosphäre verbreitete.

Das Motto des Mammut-Projektes lautete in diesem Jahr "Die Würde des Menschen ist antastbar".In Moers wurde ein kleiner Beitrag dazu geleistet, daß Menschen ganz verschiedener soialer, ethnischer und kultureller Hintergründe ein kleines Stück aufeinander zuzugehen lernen, und das nicht zuletzt deshalb, weil die Festivalmacher eine beispielgebende Möglichkeit schufen, körperlich und geistig Behinderte in die Veranstaltung einzubeziehen.Eine Sonderausgabe des Festival-Programms in Blindenschrift dürfte in vergleichbarem Rahmen bisher wohl einzigartig sein.

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