Kultur : Die größte Angst ist, vereinnahmt zu werden

KLAUS HAMMER

Die Jenoptik AG und ihr spiritus rector Lothar Späth hatten die Schirmherrschaft über eine Austellung von sechs "autonomen" Künstlern der DDR, die in drei Museen Jenas gezeigt wurde und nun in Berlin zu sehen ist.Man wollte Nonkonformisten von internationaler Repräsentanz auswählen, die trotz Repressalien und Restriktionen unbeirrt ihren eigenen Weg gegangen sind.Sie sind bis heute - das kann man auch von den bereits verstorbenen Glöckner und Altenbourg annehmen - die eigenwilligen Einzelgänger geblieben, die nichts so sehr scheuen als vereinnahmt zu werden.

Der Thüringer Gerhard Altenbourg suchte die Vielfalt des Lebens als simultanes Gewirr von Formen, Farben, Linien, Zeichen und gestischen Rhythmen durch eine breite Skala von Artikulationsgebärden und Ideenassoziationen zu erschließen.Der zurückgezogen im erzgebirgischen Annaberg lebende, jüngst gestorbene Carlfriedrich Claus, den man als Inbegriff des gelehrten Poeten und Künstlers bezeichnen kann, wollte nicht so sehr Gedanken umsetzen, als das Entstehen von Bewußtsein, von Gedankendenken erkunden.Er versetzte sich mitten hinein in eine noch weitgehend unbekannte Landschaft, in der sprachliche Vorstellungen erst im Entstehen, Denken erst im Werden begriffen sind.Es entstanden zitternde, schwingende, oft um sich selbst kreisende Vibrationslinien in der Überlagerung von transparenter Vorder- und Rückseite.Der Konstruktivist Hermann Glöckner hingegen nahm die Zeichen der dreidimensionalen Stadt- und Industrielandschaft, die Giebel-, Dächer- und Dreieckskonstruktionen, die Winkel und Formbrechungen zurück in die abstrahierte Fläche, ordnete sie zu prismatischen Farbfeldern oder vermischte die gebauten Formen mit der geometrischen Zeichnung.Kontrast und Umkehrung erfuhren bei ihm eine mannigfaltige Gestaltung.

Das große Thema des in Einsiedel bei Chemnitz lebenden Michael Morgner ist die menschliche Existenz in der Polarität von Leben und Tod.Seine bildnerischen Erfindungen überträgt er vom Papier in Form eines Lebensfrieses auf große Leinwände, die er in einer eigenen Lavage-Technik überarbeitet: Tusche wird mehrfach ausgewaschen, der Bildgrund dadurch aufgerieben und das Schwarz von unterschiedlichen Grauwerten überlagert.Holzschnittartige Körpergesten, in starre Hülsen gepreßte, dunkle "Angst-Figuren" hocken, stehen und fallen unter einem bedrohlich hängendem Himmel.Eberhard Göschels lyrische Formwelt wiederum entfaltet sich aus den ausbalancierten Bezügen monochromer Texturen, aus Kalt und Warm, aus dem Wechselspiel von Anpassung und Kontrast, aus assoziativen Zuordnungen.Er baut eine Bildwirklichkeit aus gegenstandslosen Elementen und schafft durch rationale Bildbezüge wie Perspektive und Horizontlinie die Möglichkeit einer scheinbaren Identifizierung mit Himmel, Wasser, Gesteinsformationen.

Max Uhlig, ebenfalls in Dresden ansässig, brachte ein neues expressives Moment, ein psychographisches Verfahren in die Kunstlandschaft ein.Im Vor- und Zurückschwingen des Pinsels ertrinken die Formen fast in der Farbe.Sie werden zu einem ununterbrochenen Fluß von gestischen Zeichen und grafischen Schwingungen, die um ein imaginäres Zentrum herumwirbeln und sich bis zu den Rändern ausdehnen.Auf der weißen Fläche schreibt sich eine bis zum Zerreißen gespannte Energie in Liniendiagrammen und -psychogrammen ein.Das wirbelnde Liniengeflecht zeigt eine Konfliktsituation an.Das Staccato schwarzer Rhythmen und die leuchtenden Töne, die dahinter schimmern, weisen auf Gegensätzlichkeiten der Triebkräfte im Unterbewußtsein.

Galerie Gunar Barthel, Fasanenstraße 15, bis 4.Juli; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben