Kultur : Die große Illusion

Wolfgang Becker macht in „Good Bye, Lenin!“ die Wendezeit zum Gegenstand einer melancholischen Komödie

Jan Schulz-Ojala

„Wahnsinn!“ Mutter ist außer sich. Zum ersten Mal seit Wochen der Bettlägerigkeit ist sie auf die Straße vorm Plattenbau-Zuhause getapert – und nun das: Flüchtlinge aus dem nichtsozialistischen Währungsgebiet BRD suchen zu Zehntausenden Asyl im irdischen Paradies namens DDR, kommen mit Sack und Pack und Möbelwagen, und die Bewohner der Deutschen Demokratischen Republik begrüßen die Neubürger im Sinne völkerverbindender Freundschaft auf das Herzlichste. Die Schlagzeilenwelt des „Neuen Deutschland“, die Rhetorik der „Aktuellen Kamera“: Endlich hat sie, im Sieg des Sozialismus über die revanchistischen Kräfte, ihre historisch zwingende Erfüllung gefunden. „Wahnsinn!“, stammelt Mutter, die Hunderfünfzigprozentige. Ja, Wahnsinn, Mutter, vielleicht bist du nie so glücklich gewesen wie jetzt. Und wahrscheinlich wirst du nie wieder so glücklich sein.

Historisch erinnern wir den massenhaften Alltags-, ja Allnachtsgebrauch der eigentlich psychiatrischen Vokabel Wahnsinn anders: als Kollektivschrei der Ostdeutschen in jener Nacht des 9. November 1989, als die Mauer gegen alle Lebenserwartung aufging und etwas wie Freiheit – und sei es auch nur Bewegungsfreiheit – sich abzeichnete am Horizont der eigenen Restbiografie. Und doch: Das Wort, das das panisch-glückliche Entsetzen über eine strukturelle Sinnestäuschung auf den Begriff bringt, eint aufs Allerschönste die Millionen von DDR-Bürgern und das gegensätzlich irre Glück dieser Einzelnen im Film „Good Bye, Lenin!“. Sie fassen es nicht. Und müssen ihren Augen doch trauen: Denn was sie sehen, ist zum Verrücktwerden wahr.

Lange her, diese unsere Erinnerung. Dreizehn Jahre plus X. Plus den Faktor Erinnerungsschönung, -verwandlung und -fälschung zwecks Eingemeindung in das, was wir, mit Max Frisch, immer mal wieder für unser Leben halten. Ein klasse Stoff also für das, was das Kino ein period piece nennt, den Film aus einer nicht mehr real verfügbaren Epoche. Und genau ein solches period piece hat Wolfgang Becker gedreht, einen Film über das mittlerweile sehr abgeschlossene Sammelgebiet DDR. Er lässt eine stramme Sozialistin, die bei den letzten Republikgeburtstagsfeierlichkeiten im Oktober 1989 einer Ehrung entgegenschreitet, einen Herzinfarkt erleiden, als sie sieht, wie ihr protestierender Sohn von Uniformierten zusammengeknüppelt und weggeschleppt wird. Und lässt sie erst wieder aus dem Koma erwachen, als die DDR fast ein Jahr später schon fast aufgegangen ist in der größeren neuen deutschen Bundesrepublik. Und aus der Potemkinschen Ost-Welt, die der liebende Sohn fortan seiner schonungsbedürftigen Mutter vorspiegelt, macht Becker keine Farce und kein Melodram, sondern eine – zumindest im Ansatz – melancholische Komödie.

Erste Grundsatzfrage: Darf der das? Darf ein Wessi-Berliner mit einem Kölner Drehbuchautor und Hauptideenerfinder namens Bernd Lichtenberg Ost-Geschichte verfilmen? Natürlich darf er – und das nicht nur mit demselben Recht, mit dem Männer Filme über Frauen (und umgekehrt) oder schwarze Regisseure Filme über die Schicksale von Weißen (und umgekehrt) drehen dürfen. Denn das Gegenteil wäre, je nach Sprachlesart, Regisseurs-Lobbyismus oder Drehbuch-Stalinismus, und da sei die Freiheit der Kunst vor. Noch freier gedacht, erzählt Becker ohnehin von nichts anderem als – aus heutiger Perspektive – fortgeschriebener und gemeinschaftlich verfügbarer und interpretierbarer Geschichte, schlicht als ein Deutscher des Jahres 2003.

Zweite Grundsatzfrage: Kommt so ein Film über die Wendezeit nicht viel zu spät? Hätte Becker nicht, statt fünf Jahre an dem Projekt herumzulaborieren, ein flotteres Opus nicht noch viel flotter vor fünf Jahren vorlegen sollen? Unsinn: Es gibt kein „zu spät“. Es gibt nur ein Tun und ein Echo, und dann sieht man schon, was passt oder auch nicht. Peter Timms hübsche Klamotte „Go Trabi Go“ hat 1991 gepasst, Leander Haußmanns humoristischer Bewältigungsfilm „Sonnenallee“ passte 1999 immer noch, und „Good Bye, Lenin!“, der die Vergangenheit zum Gegenstand eines kinoträchtigen Gedankenspiels macht, könnte auch heute passen, gerade aus der gewonnenen – oder auch vertanen - Distanz von 13 Jahren.

Schon recht, Becker braucht, mit alten Dokumentaraufnahmen und einem teils behäbigen Off-Kommentar, einige Nacherzählzeit, um das besonders herbeigewünschte junge Publikum in jenes erzählte Damals mitzunehmen. Doch als das historische Setting steht, vor dem sich die herzensgute Privatinszenierung entfaltet, läuft dieser deutsche Film eine Zeitlang wunderbar rund. Sohn Alex (Daniel Brühl) richtet seiner nach acht Monaten aus dem Koma erwachten Mutter (Katrin Saß) ein Plattenbau-Dreiraumwohnungs-Krankenzimmer ein, in dem die untergehende DDR fortlebt, logistische und alogisch-absurde Verwicklungen eingeschlossen: Ob die Kaufhallen-Warenwelt aus den Müllcontainern der Zeitgeschichte geklaubt werden muss, oder Alex’ Freund Denis (Florian Lukas), ein Jüngstregisseur, sich erste Sporen beim „Aktuelle Kamera“-Fake verdient, ob Nachbarskinder gegen Taschengeld Jungpioniersuniformen überstreifen, oder Direktor Klapprath (Michael Gwisdek), Kommunist aus alten Tagen, eine zwerchfellerschütternde Geburtstagsrede am Krankenbett hält …

Schon dieser Plot, so federleicht und – in Deutschland selten: – souverän sanft er in seinem Witz daherkommt, hätte in Großes münden können: in eine Parabel über die große Illusion zum Beispiel, die wir uns und anderen von uns und anderem machen, wenn wir lieben; oder auch in eine konsequent intelligente Groteske vom ersten Voranstolpern in eine immer noch seltsame gesamtdeutsche Gegenwart. Aber Becker hat dem Geniestreich nicht getraut – und stattdessen, womöglich um dem Witzvorwurf zu begegnen, doch noch ein halbes Melodram drangehängt. Doppeltes Pech für ihn: Er hat seinen Film verbogen, und der Witzvorwurf schallt ihm trotzdem schon heute aus dem deutschen Osten entgegen. Als demontierte „Good Bye, Lenin!“ nicht den – seien wir rückwirkend ehrlich – absonderlichen Staat namens DDR, sondern die individuelle Würde jener, die sich in ihm und gegen ihn zu behaupten suchten.

Das folglich unvermeidliche Scheitern des Films erzählt man besser nicht aus. Nur soviel: Mutter wartet zum späten zweiten Drittel des Geschehens mit einer Überraschung auf, die ihren eigenen Charakter plötzlich arg drehbuch-papieren erscheinen lässt, was wiederum die zeitraubende Auflösung einer Familientragödie nach sich zieht, die aber in dem, was sie schließlich auch vor der Kamera erfordern würde, gespenstisch leer läuft. Kaum sind die Lachtränen getrocknet, möchte man weinen – aber nicht so, wie der Film das mit uns anzustellen trachtet. Wolfgang Becker hat, wie so viele Regisseure, die sich als absolute Herren über ihren Stoff gebärden, zu viel gewollt, und so steht der Zuschauer am Ende wieder mal fast mit leeren Händen da. Auch das ist Wahnsinn, leider; aber einer mit Methode.

Heute 19 Uhr (Berlinale Palast), morgen 9.30 Uhr (Royal) und 20 Uhr (International).

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