Kultur : Die Heimatlose

Zum Tod der Schriftstellerin Sybille Bedford

Marius Meller

Ihre Autobiografie taufte Sybille Bedford „Quicksand“ – „Treibsand“, und wie auf Treibsand gebaut sind die Lebensläufe ihrer literarischen Figuren. Jetset wäre heute das treffende Wort, in der Zwischenkriegszeit, dem Zeithorizont ihrer Literatur, nannte man es eher Hautevolee. Man verabredet sich in Rom, trifft sich in der Villa eines befreundeten Barons, entspannt sich am Wochenende an der Côte d’Azur, diskutiert über T. S. Eliot, Proust und Joyce.

Bedford entstammte dem badischen Hochadel, ihr Vater war Maximilian Baron von Schoenebeck. Geboren wurde sie 1911 in Charlottenburg. Die bekennende homosexuelle Sybille Bedford lebte in Italien, Frankreich und England, bereiste Mexiko und die USA und wurde nirgendwo heimisch. Ende der Zwanzigerjahre traf sie sich mit tout le monde im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, besorgte der Familie Thomas Mann eine repräsentative Sommervilla. Der malerische Fischerort wurde zwischen den Kriegen zu einem Zufluchtsort von Künstlern und Intellektuellen wie Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und den Manns.

In Sanary-sur-Mer lernte Bedford Aldous Huxley kennen, der sie in ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, bestärkte, und über den sie später eine zweibändige Biografie verfasste. 1956 erschien ihr erster Roman „A Legacy“ über die Allenstein-Affäre, einen Eifersuchtsmord aus dem Jahr 1907, dem ihr Onkel zum Opfer fiel. Unter dem Titel „Ein Vermächtnis“ erschien er in der „Anderen Bibliothek“ 2003 in einer Neuübersetzung. Das Deutschland der Fünfzigerjahre war zu bieder für Bedfords Literatur.

Im jungen Münchner Verlag Schirmer-Graf erschien 2005 der Roman „Liebling der Götter“; in diesem Frühjahr kommt „Ein trügerischer Sommer“ heraus. Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ und Schirmer-Graf verdanken wir die späte Entdeckung einer ebenso skurrilen wie kultiviert-leichtfüßigen Autorin. Sybille Bedford starb am Freitag in London mit 95 Jahren.

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